Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich MIGRATION
Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich MIGRATION

Presse 2017

  • 23.11.17: "Osman Engin macht den Anfang"
  • 21.09.17: "Bremen tauscht sicht aus"
  • 11.05.17: "Unscharfe Impressionen"
  • 03.02.17: "Auf dem richtigen Weg"
  • 20.01.17: "Flüchtlingen aus Guinea Perspektiven bieten"

Migrantinnentage des Kulturzentrums Lagerhaus beginnen mit einer satirischen Lesung
Osman Engin macht den Anfang
Liane Janz 23.11.2017
Ostertor. Verständnis und gegenseitiger Respekt – wenn Kulturen sich begegnen, und friedlich begegnen, haben viele Seiten etwas davon. Die „Migrantinnentage gegen Ausgrenzung“ sollen etwas dazu beitragen.

Mit Diskussionen, Lesungen, Ausstellungen, Konzerten und anderem mehr wird unterschiedlichen Kulturen eine Stimme gegeben. Eusevia Torrico und Recay Aytas von der Abteilung Migration des Kulturzentrums Lagerhaus, Schildstraße 12-19, organisieren die Reihe, dieses Mal unter dem Motto „Migration – heute und morgen“.

Den Auftakt macht am Sonnabend, 25. November, um 20 Uhr im Saal des Lagerhauses Osman Engin mit einer satirischen Lesung. Geschichten aus dem interkulturellen Alltag des Deutsch-Türken, die noch niemand gehört hat, nicht mal er selbst, kommen ans Licht. Seit seinem 13. Lebensjahr lebt Osman Engin in Deutschland, er hat Sozialpädagogik studiert, Bücher veröffentlicht und Radiobeiträge gemacht. Der preisgekrönte literarische Satiriker wohnt in Bremen. In seinem Buch „Dütschlünd, Dütschlünd, übür üllüs“ fängt eine Geschichte mit folgendem Dialog an: „,Osman, vergiß das Fladenbrot und die Tomaten nicht‘, ruft mir meine Frau hinterher. ,Wie viele Tomaten denn?‘, frage ich zurück. ,Ein halbes Kilo, dazu noch etwas Hackfleisch. Und denk noch an die deutsche Staatsbürgerschaft!‘ ,Davon auch ein halbes Kilo?‘ ,Ja, 500 Gramm frische deutsche Staatsbürgerschaft, mit viel Kümmel und Knoblauch.‘“

Bevor Osman Engin am Sonnabend ans Mikro tritt, wird Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) die Migrantinnentage im Lagerhaus offiziell eröffnen. Die Karten für die Lesung kosten fünf Euro.

Im Kafé Lagerhaus wird am Freitag, 1. Dezember, um 17 Uhr die Ausstellung „Bremen – Momente aus Gold, Wasser und Bewegung“ eröffnet. Mit seinen Bildern möchte der Fotograf Mateo Matiz Carvallo die Vielfalt seiner Heimat Kolumbien dokumentieren und seine Erfahrungen mit anderen teilen. Seit acht Monaten lebt der Künstler in Bremen. Seine Bilder werden im Kafé Lagerhaus bis zum 12. Januar täglich ab 18 Uhr zu sehen sein.

Im Europapunkt am Markt 20 geht es am Donnerstag, 7. Dezember, um 17 Uhr um die Unterbringung von geflüchteten Frauen, Männern und Kindern. In der Podiumsdiskussion „Wohnst du schon – oder wirst du noch untergebracht?“ sprechen Kirsten Kreuzer von der Sozialbehörde, Migrations- und Integrationsbeauftragte Silke Harth und Andrea Nolte-Buschmann von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Bremen und voraussichtlich ein Vertreter der Gewoba über die Wohnsituation von Asylsuchenden in Deutschland.  Moderiert wird die Diskussion von der Vorsitzenden des Bremer Rats für Integration, Libuse Cerna.

Die Staatsrätin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Entwicklungszusammenarbeit, Ulrike Hiller, begrüßt am Sonnabend, 9. Dezember, um 20 Uhr die Konzertgäste im Saal des Lagerhauses, wenn die Zollhausboys spielen. Die vier syrischen Musiker haben gemeinsam mit Pago Balke und Gerhard Stengert ein Programm erarbeitet. „Songs, Poetry und Kabarett aus Aleppo, Bremen und Kobani“ steht über dem Abend. Berührend und komisch zugleich verarbeitet die Künstlergruppe Themen wie Flucht, Heimat und Fremdheit, unter anderem dienen die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse als Grundlage fürs Bühnenprogramm. Der Eintritt kostet 15 Euro, ermäßigt zehn Euro, und wird an Geflüchtete innerhalb der europäischen Grenzen gespendet.

Von Syrien nach Zentralamerika: „Una Semana commigo (Eine Woche mit mir) – Lebensalltag von Menschen in Nicaragua“ heißt eine Präsentation, die ab Sonntag, 10. Dezember, um 15 Uhr in der dritten Etage des Lagerhauses zu sehen ist. Die Bremerin Janne Schröder hat das Leben von Schulkindern, Marktfrauen, Pfarrern in ihrem Fotoprojekt dokumentiert und möchte Menschen in Deutschland eine Vorstellung davon vermitteln, wie Menschen auf der anderen Seite des Globus leben. Zu sehen ist das bis 31. Januar montags bis mittwochs von 11 bis 14 Uhr und nach Absprache mit dem Migrationsbüro des Lagerhauses. An den Feiertagen und in den Schulferien bleibt die dritte Etage geschlossen.

Als Wahlbeobachter war Kamil Görgün eine Woche lang bei der Abstimmung in Süd-Kurdistan. Was er dabei erlebt und gesehen hat, berichtet er am Sonntag, 10. Dezember, um 18.30 Uhr in der dritten Etage des Lagerhauses in der Veranstaltung „Zur Volksabstimmung der Kurden – ‚Ja’ zum eigenen Staat“. Recai Aytas von der Migrationsabteilung des Lagerhauses moderiert den Abend, an dem der Wahlbeobachter Analysen liefert und Fotos zeigt.

Das passt auch zu den Migrantinnentagen: Im Rahmen der peruanischen Veranstaltungsreihe „Unsere Wurzeln“ ist in der dritten Etage des Lagerhauses am Mittwoch, 13. Dezember, um 19 Uhr der Dokumentarfilm „Lucha Reyes – Carta al Cielo“ (Lucha Reyes – Brief an den Himmel) zu sehen. Er porträtiert das Leben der afro-peruanischen Sängerin Lucha Reyes, die eigentlich Lucila J. Sarsines Reyes hieß. Aus armen Verhältnissen stammend, wurde sie dank ihres Talents eine der bekanntesten Persönlichkeiten innerhalb und außerhalb Perus. Der Film wird auf Spanisch mit englischen Untertiteln gezeigt.

„Integrationskurs, und dann...?“ lautet die Frage beim Abschlusstreffen am Donnerstag, 14. Dezember, um 19 Uhr in der dritten Etage des Lagerhauses. Zugewanderte und Geflüchtete mit guten Deutschkenntnissen tauschen sich an diesem Abend aus und sprechen unter anderem über ihre Bedarfe. Entstehen soll ein geschützter transkultureller Begegnungsraum, in dem gesellschaftliche Themen angesprochen und die Sprachkenntnisse verfeinert werden können. Die Teilnahme ist nur nach Anmeldung unter 70 10 00 20 und 70 10 00 21 bei Eusevia Torrico und Recay Aytas im Migrationsbüro des Lagerhauses möglich.

Zum Abschluss der Migrantinnentage am Freitag, 15. Dezember, wird es noch einmal temperamentvoll. „Crisol“  spielen um 20 Uhr im Lagerhaus-Saal Musik aus Südamerika und der Karibik. „Crisol“ ist eine international besetzte Truppe, zu der Yuly Allende, Choche Ballesteros, Juan José Vélez, Ivan Romero, Mario Emde und Axel Figur gehören. Der Eintritt kostet zehn, ermäßigt fünf Euro.

Quelle: WK 23.11.17

 

Bremen tauscht sich aus

Gesprächskreis bietet Geflüchteten und Zugewanderten Zeit und Raum zum Üben der deutschen Sprache
von MATTHIAS HoLTHAUS
Ostertor. „Die Leute sollen hier die Möglichkeit haben, sich über Bremen und gesellschaftliche Themen auszutauschen, das fnde ich wichtig“, sagt Geesche Decker, Leiterin von „Bremen tauscht sich aus“, dem Gesprächskreis für Zugewanderte und Geflüchtete. Jeden Donnerstag treffen sie sich von 19 bis 21 Uhr in den Räumlichkeiten der Migrationsabteilung des Kulturzentrums Lagerhaus in der Schildstraße, um gemeinsam Deutsch zu lernen und sich mit den alltäglichen Angelegenheiten des Gastlandes vertraut zu machen.
Dieses Mal sind zwölf Personen da, sie kommen aus Syrien, aus Korea oder auch aus Peru. Sie möchten in Deutschland studieren, arbeiten oder einfach nur Deutsch lernen und haben bereits einen oder mehrere Deutschkurse besucht. „In entspannter Atmosphäre soll hier Deutsch geübt werden“, erklärt die 26-jährige Geesche Decker, die ihren Bachelor in Kulturwissenschaften gemacht hat und sich nun in Bremen nun auf ihren Master in Transkulturelle Studien vorbereitet, die Beweggründe des Gesprächskreises. Dabei werden Themen angesprochen, die in reinen Sprachkursen nicht zur Sprache kommen.
Lebenssituation im fremden Land

So sieht das Programm bis Weihnachten einige gewichtige Diskussionspunkte vor: Von „Integration-Was bedeutet das und was ist wichtig für uns“ über „Martin Luther und der Reformationstag“ zu „Feste und Traditionen“ und „Umweltschutz und Klimawandel“ ist vieles dabei, was den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihre ungewohnte, neue Lebenssituation in dem fremden Land erleichtert. Nebenbei diskutieren sie über den Gebrauch des Konjunktivs, Schriftsprache und Redewendungen und über die erschiedenen Zeiten: Wann wird eigentlich das Perfekt verwendet und wann die einfache Vergangenheit? Heute aber stehen Briefe und Übungen zur Schriftsprache auf dem Programm. Jeder Teilnehmer bekommt einen kleinen Brieftext ausgehändigt und soll die Art des Schreibens erkennen. „Sie haben mir seit mehreren Monaten kein Gehalt mehr gezahlt. Ich fordere sie deshalb auf, mein Gehalt für 2017 zu zahlen“, liest ein peruanischer Teilnehmer einen Brief vor. Ob er auch schon mal eine Mahnung geschrieben habe, möchte Geesche Decker wissen: „Nein, habe ich noch nicht. Aber ich habe schon eine bekommen, von der Telefongesellschaft“, berichtet er und alle lachen. Eine koreanische Teilnehmerin erzählt, sie habe solch einen Brief bereits von der Gebühreneinzugszentrale erhalten: „Ich habe vergessen, zu bezahlen“, sagt sie. Und sie erzählt, dass Rundfunkgebühren keine deutsche Eigenart sind: „In Südkorea gibt es eine Steuer dafür.“ Es geht entspannt und auch lustig zu in dem Gesprächskreis und niemand muss  befürchten, sich zu blamieren.
Nacheinander lesen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Briefe vor: Sie beschweren sich bei der Fluggesellschaft über verloren gegangenes Gepäck und fordern Schadensersatz und reden anschließend über den Unterschied zwischen einer Reklamation und einem Beschwerdebrief. Auch sprachliche Feinheiten werden beleuchtet: Was bedeutet „präzise“? Was heißt die Abkürzung „o. g.“? Was ist gemeint, wenn von „aufrichtiger Verbundenheit“ die Rede ist? Was selbst Deutschen Schwierigkeiten bereitet, ist auch für Zugereiste nicht einfach:
„Wer von euch hat schon mal Briefe in Behördendeutsch erhalten?“, fragt Geesche Decker. „Ich, vom Jobcenter“, sagt ein Teilnehmer und einige andere nicken. „Und fällt es euch schwer, ein ofzielles Schreiben zu verfassen?“, fragt Decker. Und diesmal nicken alle.
Der „Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen“ sieht eine Einteilung
in verschiedene Niveaustufen von A 1 bis C 2 vor, wobei A 1 für „Anfänger“ steht, A 2
für „Grundlegende Kenntnisse“, B 1 bedeutet „Fortgeschrittene Sprachverwendung“
und B 2 steht für „Selbstständige Sprachverwendung“. Am Ende gilt dann C 1 für
„Fachkundige Sprachkenntnisse“ und C 2 für „Annähernd muttersprachliche Kenntnisse“. B 1 ist daher für das Projekt „Bremen tauscht sich aus“ wünschenswert, aber nicht Bedingung. „Der Bedarf ist da, doch das Angebot passt natürlich nicht für jeden“, sagt Geesche Decker. „Viele der Teilnehmer machen bereits Deutschkurse, haben aber noch nicht die Anerkennung, um beispielsweise Jobs annehmen zu können“, erzählt Geesche Decker. „Hier soll ein Begegnungsraum und ein offenes Treffen für Leute sein, die schon erste Deutschkurse hatten und weiter die Sprache sprechen wollen.“

Quelle: WK / 21.9.17

Unscharfe Impressionen

Armand de Bussy stellt im Kulturzentrum Lagerhaus aus

Mitte. Es ist Mittwoch 11.30 Uhr. Der Konferenzraum im Lagerhaus, der auch als sehr übersichtliche Galerie funktionieren soll, ist geöffnet. An einer Wand hängen die ausgestellten Bilder. Gleich darunter steht eine Reihe Computer, an denen gearbeitet wird. Die Gemälde sind teilweise beleuchtet. Es handelt sich um zwei großformatige Ölbilder, beide im Stil der naiven Kunst. Eines zeigt eine Gruppe Indios vor einer Landschaft. Das zweite zeigt eine Gruppe Kinder in vertrocknetem Gras. Das erste Bild ist sehr grob gemalt, das zweite feiner. Die Personen sind statisch aufgefasst. Sie sind einfach da.

Der Künstler Armand de Bussy schreibt: „Als Einwanderer mit deutsch-peruanischen Wurzeln schaffe ich meine Werke mit anderen Augen und vielleicht auch mit anderer Wahrnehmung und anderen Empfindungen als deutsche Künstler.“ Das betreffe, so de Bussy weiter, die Themen und Motive seiner Kompositionen als auch den Umgang mit Farbe und der Umsetzung. „Die großen Gemälde sind inspiriert von Orten meines Herkunftslandes Peru am Titicacasee und zeigen die Armut und die Regression in den Anden.“

Die Fotoserie „Impressionen aus Nymphenburg“, heißt es im Pressetext des Künstlers, beschäftigt sich mit den Gärten und Gebäuden des Nymphenburger Schlosses. Absichtlich fehlen die Besucher als Motiv. Absichtlich sind es unscharfe, fast impressionistisch wirkende Fotografien mit starker Farbigkeit. Einige der Fotos im Format 40x50 cm haben durchaus eine dekorative Qualität – andere sind nur unscharf. Warum?

„Über die Farbigkeit entsteht eine Verbindung zu den Gemälden mit peruanischen Motiven, aber der Betrachter kann neben dem ästhetischen Kunstgenuss auch Fragen stellen, die den Kontrast thematisieren: Nymphenburg zeigt eine untergegangene Epoche, die architektonische, florale und skulpturale Schönheit berührt uns, aber mit unserem täglichen Leben hat das Ensemble nichts zu tun – im Unterschied zum einfachen Leben in der Gemeinschaft in den peruanischen Anden.“

Was Nymphenburg indes mit den peruanischen Anden zu tun hat, bleibt im Dunkeln. Der Künstler konnte bis zum Redaktionsschluss nicht zu einem persönlichen Gespräch getroffen werden.

Migrationsbereich des Kulturzentrums Lagerhaus in der Schildstraße. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag von 10 bis 13 oder 14 Uhr.

Quelle: WK / 11.5.17

Auf dem richtigen Weg

Ein Gegenmodell zur Drogenszene: Guineer haben Verein gegründet, um ihre Landsleute zu unterstützen
Bremen. Die vier Männer kommen aus Guinea. Das afrikanische Land ist in Verruf geraten, seit bekannt wurde, dass viele der Jugendlichen, die am Bahnhof oder im Viertel mit Drogen dealen, von dort kommen. Die Vier ärgern sich mächtig über das Bild, das auf diese Weise von Guinea und ganz allgemein von Afrikanern in Bremen entstanden ist. Aber eigentlich wollen sie darüber gar nicht sprechen, sagt Ibrahima Bah. "Für das große Thema Drogenhandel finden wir hier ohnehin keine Lösung." Er und seine Mitstreiter setzen lieber auf einen anderen Weg, haben dafür sogar eigens einen Verein gegründet. Sie wollen zeigen, dass es auch anders geht. Dass man es als Flüchtling in Deutschland sehr wohl auf legalem Weg schaffen kann. Über Schule, Ausbildung und Arbeit. Sie selbst sind der beste Beweis dafür.

Es sei ein mühsamer Weg und man brauche viel Geduld, sagt Ismael Diallo. In Guinea gelte Deutschland als Land, in dem man schnell reich werden kann. Doch einmal hier angekommen, merkten viele seiner Landsleute schnell, dass Traum und Realität nicht zusammenpassten. Ein entscheidender Moment sei das, sagt Bah. "Gerade dieser Anfang ist wichtig. Man kann schnell auf einen guten Weg kommen. Oder auf einen schlechten."

Sie haben deshalb einen Verein gegründet, den "Guineischer Verein für Integration und Bildung in Deutschland". Der organisiert Diskussionsrunden und andere Veranstaltungen, um das afrikanische Land in Bremen bekannt zu machen. Vor allem aber bietet er jeden vorletzten Sonntag im Monat um 15 Uhr im Lagerhaus ein Treffen für alle Guineer an. Rund 40 Mitglieder zählt der Verein. Überwiegend Männer, aber es sind auch einige Frauen dabei, erzählt Ismael Diallo. Um den Überblick zu behalten, führt er eine akkurate Liste mit den Unterschriften aller Teilnehmer.

"Man ist verloren, wenn man neu in Bremen ankommt. Alles ist fremd, da sucht man automatisch die Bindung zu Landsleuten", beschreibt Ibrahima Bah den gedanklichen Ausgangspunkt für die Vereinsgründung. "Wir wollten eine Gemeinschaft bilden, die füreinander da ist." Diallo ergänzt: "Um den Neuen das Gefühl zu geben, dass jemand da ist für ihre Probleme, und dass wir uns untereinander helfen."

Automatisch übernehmen die Vereinsmitglieder dabei Vorbildfunktion. Ismael Diallo zum Beispiel für diejenigen, die für ein Studium nach Bremen kommen. Der 30-Jährige, der seit sechs Jahren in Deutschland lebt, hat in Guinea Betriebswirtschaft studiert. Sein Diplom dafür hat er sich in Bremen anerkennen lassen, außerdem aber eine 15-monatige Weiterbildung in Informationstechnik und Logistikmanagement absolviert. Seine Erfahrungen und sein Wissen gibt er nun an andere weiter. Kontakt zu ihm oder dem Verein ist per E-Mail unter izmo2010@diallo@yahoo.com möglich.

"Man braucht diese Einführung", bekräftigt Ibrahima Bah. "Man hat zwar ein Visum und darf in Deutschland studieren, aber es gibt so vieles, was man nicht weiß." Über den ganzen zu erledigenden Papierkram, über Behördengänge und Versicherungen oder auch über die Wohnungssuche. Hier könnten ehemalige Studenten helfen. "Sie kennen die Wege."

Einer, den Ismael Diallo unterstützt, ist Nabi Laye Moussa Conte. Der 34-Jährige hat in Guinea Physik studiert und ist Ingenieur. Die erste Hürde, die er jetzt in Deutschland nehmen muss, ist die Sprache. Ein Hauptansatzpunkt auch für den Verein, der sich um Sprachkurse bemüht. "Man kann hier alles schaffen, aber der Schlüssel dafür ist die deutsche Sprache", sei deshalb das Erste, was man den Neuankömmlingen zu vermitteln versuche, berichtet Diallo.

Ibrahima Bah hat dies auf besondere Weise erfahren. Als er vor zwölf Jahren als Schüler nach Deutschland kam, seien Sprachkurse zur Integration noch kein so großes Thema gewesen. "Im Heim, in dem ich anfangs wohnte, gab es dafür keine Möglichkeit. Da musste jeder irgendwie für sich selbst sorgen." Er habe sich deshalb bei der Volkshochschule für einen Deutschkurs angemeldet und den auch selbst bezahlt. In der Ausländerbehörde habe gerade dies später für großes Erstaunen gesorgt, erzählt Bah lachend.

Auch der 29-Jährige hat einen langen Weg hinter sich. Als Asylbewerber erhielt er zunächst eine Duldung, die zwar immer wieder verlängert werden musste, bekam dadurch aber zumindest eine Arbeitserlaubnis. Seit drei Jahren hat er einen deutschen Pass, arbeitet heute bei der Arbeiterwohlfahrt als Betreuer in einer Flüchtlingseinrichtung.

Auch Ismael Diallo arbeitet, als Lehrer für Deutsch und Integration. Dies sei enorm wichtig, sagt er. Damit signalisiere man den jungen Leuten aus Guinea eine klare Botschaft: "Es gibt welche, die eine Ausbildung machen und berufstätig sind. Es klappt." Auch dies ein ganz bewusster Kontrapunkt zu denjenigen, von denen zuletzt in Bremen häufig die Rede war: Dealer, die versuchen, Neuankömmlinge aus Guinea für die Drogenszene zu gewinnen, indem sie ihnen einreden, dass man als afrikanischer Flüchtling in Deutschland ohnehin keine Chance habe.

Zu zeigen, dass es sehr wohl auch anders geht, habe allerdings viel mit Geduld und Vertrauen zu tun, betont Diallo. "Wir sagen es ihnen immer wieder: es ist schwer, aber sei geduldig. Mach deine Schule, irgendwann hast du eine Ausbildung, irgendwann hast du eine Arbeit. Aber du musst Geduld haben."

Auch sein Mitstreiter mit dem gleichen Nachnamen, Alpha Oumar Diallo, befindet sich noch am Anfang dieses Weges. "Bei uns heißen viele Diallo, das ist so wie hier Meyer oder Müller", sagt er. Seit zwei Jahren ist er in Bremen und mit 19 Jahren der Jüngste aus dem Quartett. Zurzeit absolviert er ein einjähriges Praktikum in einer Bremer Firma. Sein Ziel ist es, dort in diesem Jahr eine Ausbildung zur Lagerlogistik-Fachkraft zu beginnen. Der junge Mann hat über seine Mitarbeit bei einem Theaterstück Kontakt zu dem guineischen Verein bekommen. "Ich bin da hingegangen und habe viele Leute aus meiner Heimat getroffen, die mir geholfen haben, wenn ich Unterstützung brauchte", erzählt er. Heute spreche er selbst junge Menschen auf der Straße an und weise sie auf den Verein hin.

Genau so soll es laufen, findet Ibrahima Bah. "Wir sprechen die Jungs an und hoffen, dass sie uns vertrauen." Über diese jungen Leute könnten dann vielleicht die nächsten gewonnen werden, auf diese Weise nach und nach immer mehr Guineer integriert werden. "Und so für ein besseres Image von Guinea in Bremen sorgen."

Stichwort Guinea

Die Republik Guinea ist ein Staat in Westafrika. Er hat etwa 11,5 Millionen Einwohner (Stand 2014) und ist mit rund 250 000 Quadratkilometern in etwa so groß wie Großbritannien. Hauptstadt Guineas ist Conakry, Amtssprache Französisch. Die vorherrschende Religion ist der sunnitische Islam, fast 90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime.

Man kann hier alles schaffen, aber der Schlüssel dafür ist die deutsche Sprache.“ Ismael Diallo

Quelle: WK / 3.2.17

Flüchtlingen aus Guinea Perspektiven bieten

Politiker treffen sich zu Diskussion im Lagerhaus
Bremen. Flüchtlinge aus Guinea stoßen in Bremen immer wieder an Grenzen. Das machten die Teilnehmer einer Diskussion am Donnerstag im Lagerhaus deutlich, zu der der Guineische Verein für Bildung und Integration und der Bremer Jugendring eingeladen hatten. „Viele junge Menschen aus Guinea wollen hier Ziele erreichen. Aber es gibt ein Stigma. In Bremen ist es ein offenes Geheimnis, dass Männer aus Guinea mit Drogen handeln“, sagte der Moderator der Veranstaltung, Daniel de Olano.

Dadurch gebe für die Jugendlichen zahlreiche Hindernisse im Alltag. „Es heißt, dass alle jungen Männer aus Guinea mit Drogen dealen. Die Gesellschaft differenziert nicht“, sagte der SPD-Politiker Elombo Bolayela, der selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen war. Diskriminierung sei für die Jugendlichen ein starkes Integrationshindernis. „Sie bekommen keinen Mietvertrag und leiden unter erschwerten Bedingungen, was ihren Aufenthalt anbelangt. Die Jugendlichen sitzen auf ihren gepackten Koffern“, sagte Sofia Leonidakis von den Linken. „Wenn die Flüchtlinge keinen Platz für ein Studium oder eine Ausbildung bekommen, können wir nicht von ihnen erwarten, dass sie sich integrieren“, meinte Sahhanim Görgü-Phillipp von den Grünen.

Mit Schuld an der täglichen Benachteiligung ist laut Leonidakis auch die Presse. „Über die Flüchtlinge aus Guinea wird pauschal berichtet. Die Jugendlichen haben ein Problem, nicht nur die Geschäftsleute, vor deren Läden mit Drogen gedealt wird.“ Ralf Michel, Polizeireporter beim WESER-KURIER, sieht das anders: „In den Zeitungsberichten wird differenziert berichtet. Uns interessiert sehr, warum die Jugendlichen kriminell werden. Aber es ist nicht immer einfach, an die Geschichte hinter der Geschichte zukommen.“

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass die jungen Flüchtlinge aus Guinea Perspektiven für ihr Leben in Bremen brauchen. „Welche Alternativen zum Drogendealen haben diese jungen Menschen? Wir müssen mehr Arbeitsplätze und Ausbildungsangebote schaffen“, sagte Bolayela. Der Integrationsbeauftragte der Bremer Polizei, Thomas Müller, berichtete, dass sich bei der Polizei einiges im Umgang mit Verdächtigen aus Afrika getan habe. „Wir gehen viel sensibler vor. Wir fragen uns, ob eine Kontrolle sich wirklich lohnt. Und wenn wir uns dafür entscheiden, muss es eine faire Kontrolle geben.“

Ein deutliches Signal forderte Claudia Niemann, Mitarbeiterin der Amtsvormundschaft im Amt für soziale Dienste, von der Ausländerbehörde. „Es hat klare Rückschritte gegeben, was die Genehmigung von Aufenthaltstiteln angeht“.

Ein Problem mit der Genehmigung von Aufenthaltsberechtigungen sieht Wilhelm Hinners von der CDU und pensionierter Polizist dagegen nicht so sehr. „In Bremen haben wir im Vergleich zu anderen Bundesländern einen liberalen Umgang mit Aufenthaltsgenehmigungen. Wir müssen vielmehr etwas gegen die Unsicherheit der Betroffenen tun. Die fragen sich doch, ob sich eine Integration in die Gesellschaft lohnt, wenn sie morgen vielleicht abgeschoben werden.“

SPD-Politiker Elombo Bolayela machte den Vorschlag, stärker mit Migrantenvereinen zusammenarbeiten, da diese die konkreten Probleme der Betroffenen kennen. Außerdem müssten gesellschaftliche Themen diskutiert werden. „Wir müssen uns fragen, woher die Drogen kommen, die am Steintor verkauft werden. Warum braucht eine Gesellschaft Drogen? Wir sollten weniger polarisieren, sondern den jungen Menschen eine Alternative zum Drogendealen bieten.“

Quelle: WK - 20.01.2017

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