Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich MIGRATION
Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich MIGRATION

Presse 2012

  • 27.12.12: "Einsatz für die Demokratie" - WK
  • 27.12.12: "Künstler lassen sich von ihrer Kultur inspirieren" - WK
  • 13.12.12: "Kultur gegen Ausgrenzung" - TAZ
  • 06.12.12: "Gemeinsam gegen den Strich" - WK
  • 29.11.12: "Renan Demirkan fordert Respekt für Alle" und "Migration und Ethnien als Schwerpunkt" - WK
  • 25.11.12: "Man wird nie Deutscher - Ozan Ceyhun spricht im Lagerhaus Schildstraße über persönliche Erfahrungen" - WK
  • 22.10.12: "Fremde werden Freunde - Interkulturelle Kindertheaterwoche "Das kleine Seepferdchen" - WK
  • 04.10.12: Im Rahmen der Integrationswoche "Jugendliche wollen Freiraum und Mitspracherecht" - WK
  • 28.09.12: "Integration fünfmal anders" - WK
  • 08.12: SPK in Bremen - Auszeichnung des Projektes "15. Interkulturelle Kindertheaterwoche 2012"
  • 21.06.12: "Weder Muslime noch Christen: Yeziden haben eigene Religion" - WK
Quelle: WeserKurier am 27.12.12

Einsatz für die Demokratie
Gegen Ausgrenzung sollen die Migrantinnentage im Lagerhaus Schildstraße wirken. Für Teilhabe setzen sich auch drei Politikerinnen ein, deren Vorfahren aus anderen Ländern stammen und die in einer Podiumsdiskussion von ihren Erfahrungen erzählt haben.
VON CHRISTIAN HASEMANN
Ostertor. Frauen sind in Führungspositionen der Wirtschaft und der Politik noch immer unterrepräsentiert. Noch seltener sind Frauen mit Migrationshintergrund in politischen Parteien anzutreffen. Im Kulturzentrum Lagerhaus lief während der Migratinnentage eine Podiumsdiskussion mit Frauen, die den Schritt in die Politik gewagt haben. Sie sprachen über Schwierigkeiten und Chancen.
Zarah Mohammadzadeh, Sülmez Dogan und Ruken Aytas stellten sich den Fragen der Moderatorin Fatos Atali-Timmer. Schnell wurde deutlich, dass hinter dem Begriff „Migrationshintergrund“ ganz unterschiedliche Biografien stehen. Während Zarah Mohammadzadeh als junge Frau nach Berlin ging, um dort und später dann in Bremen Biologie zu studieren, waren Sülmez Dogan und Ruken Aytas die Töchter so genannter Gastarbeiter. Der Begriff Migrationskind ist umstritten. „Ich bin in Bremerhaven geboren und Mutter von drei Kindern, die auch immer noch als Migrantenkinder betitelt werden“, sagt beispielsweise Sülmez Dogan.
„Wir saßen auf gepackten Koffern, wir haben Geld gespart und sind viel in die Heimat der Eltern gefahren. Dann aber haben meine Eltern gesehen, dass ich hier zur Schule gehe, und entschieden sich, dass ich hier eine gute Schulbildung bekommen und studieren soll“, sagt Sülmez Dogan. Sie studierte schließlich Jura, arbeitet als Rechtsanwältin und ist seit 2011 Mitglied der Bremer Bürgerschaft für die Grünen.
Ruken Aytas sieht sich selbst als typisches „Pendelkind“, als eines der Kinder von Gastarbeitern, die zwischen Deutschland und der Heimat der Eltern hin und her pendeln mussten. „Wir wussten nicht ob wir bleiben, oder ob wir gehen.“ Nach dem Unfalltod des Vaters entschied die Mutter, dass die Familie in Deutschland wohnen sollte. Ruken Aytas studierte in Bremen Biologie und arbeitet als Medienpädagogin und Sozialarbeiterin und ist seit 2011 Mitglied der Bürgerschaft für die SPD.
Politisch interessiert waren alle drei Frauen schon in ihrer Kindheit, dennoch sollte es dauern, bis sie tatsächlich in die Politik einstiegen. Ruken Aytas: „Meine Mutter war sehr politisch interessiert und informiert. Für mich war früh klar, dass ich nicht ohne Politik leben kann.“ Es reiche nicht aus, sich in kleinen Initiativen zu engagieren, sondern man müsse Politik auf kommunaler Ebene machen.
Sülmez Dogan trieb vor allem die Bildungsfrage in die Politik: „Ich habe selbst gemerkt: Je besser die Bildung, desto einfacher ist der Weg in die Gesellschaft.“ Sie möchte die Stimme derjenigen sein, die schwierigere Startbedingungen haben. „Ich weiß, wie es ist, aus einem Brennpunktviertel zu kommen.“ Ihren Eltern sei ihr politisches Engagement, besonders als junge Frau, nicht immer ganz recht gewesen. „Wenn ich gesagt hätte, ich gehe zu einer Demonstration: Das wäre nicht gegangen. Das war ein Tabu.“ Natürlich sei sie trotzdem auf Demos gegangen. „Es war aber dann nicht schön, als ich am nächsten Tag auf der Titelseite der Zeitung zu sehen war“, schmunzelt Sülmez Dogan. Gleichzeitig zeige diese Episode auch, welche Schwierigkeiten Migrantenkinder haben deren Eltern eher bildungsfern sind.
Ruken Aytas und Zarah Mohammadzadeh wurden gezielt von Parteien angesprochen, ob sie sich nicht mehr politisch engagieren wollen. An diesem Punkt der Diskussion entzündete sich schnell ein lebhafte Debatte darüber, ob erstens Migranten als „Lückenfüller“ in die Parteien aufgenommen werden und als Gallionsfiguren dienen und ob es zweitens sinnvoll oder schon fast diskriminierend ist, wenn ihnen dann sofort der Bereich Integration angetragen wird. „Ich habe mich teilweise schon als Lückenfüllerin gefühlt“, sagt Ruken Aytas. Aber sie habe sich gedacht, dass es trotzdem eine gute Möglichkeit sei, Dinge zu verändern und zu verbessern. „Ich habe Niederlagen erleben müssen, aber auch sehr viele Erfolge durch die Unterstützung der Genossen feiern können.“ Ruken Aytas ist nicht dafür, dass Menschen mit Migrationshintergrund von den Parteien sofort das Gebiet Migration angetragen wird. „Ich habe gleich gesagt: Nein! Das mache ich nicht, ich habe andere Kompetenzen.“
Ähnliche Erfahrungen machte Sülmez Dogan: „Es ist bundesweit ein Problem: Man braucht Migrationsbeauftragte, wen nimmt man? Den mit Migrationshintergrund!“ Wichtig sei aber, dass man sich nicht auf diese Rolle reduzieren lasse.
Zarah Mohammadzadeh dagegen ging die Sache eher pragmatisch an. „Frauenpolitik ist beispielsweise auch Männerpolitik, also könnte das auch ein Mann machen, aber so weit sind wir leider noch nicht“, sagt sie. „Frauen machen gute Frauenpolitik und Migranten machen gute Migrantenpolitik.“ Generell sei es in der Politik so, dass man nicht immer das Amt oder Sachgebiet bekomme, das man gerne hätte, und sich gegen starke Konkurrenz durchsetzen müsse.
Die drei Politikerinnen müssen sich auch mit diskriminierenden Äußerungen auseinandersetzen. „In den Fächern der Bürgerschaft lag eines Tages ein Zettel auf dem stand: ,Wir wollen uns nicht von Ausländerinnen regieren lassen’“, sagt Ruken Aytas. Auch Zarah Mohammadzadeh hat Verletzendes erlebt: „Manchmal konnte ich nachts nicht schlafen, aber man muss das aushalten und letztlich weitermachen.“
Für die Zukunft wünschen sich alle drei Politikerinnen noch mehr Engagement aller Bürgerinnen. Mit dem neuen Wahlrecht sei ein erstes Ziel erreicht. „Mit der Wahlrechtsreform haben wir mehr Demokratie geschaffen“, meint beispielsweise Zarah Mohammadzadeh. Für Bremen sei das neue Wahlrecht etwas sehr Gutes. Durch einen guten Wahlkampf und Engagement im Wahlbezirk habe jeder die Chance nach vorne zu kommen, ergänzt Sülmez Dogan.
Als Demokratinnen tun alle drei etwas dafür, dass die Demokratie gestärkt wird. Und sie fordern andere dazu auf, das auch zu tun.„Wir müssen alles daran setzen, dass sich die Menschen beteiligen und nicht nur alle paar Jahre ein Kreuzchen machen“, sagt Sülmez Dogan. „Damit wir irgendwann alle, die wir hier sitzen, sagen können: Wir Kinder des Landes Bremen!“

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 27.12.2012 

Quelle: Weserkurier am 27.12.12

Künstler lassen sich von ihrer Kultur inspirieren

Die Ausstellung der peruanischen Künstlergruppe Expresón Perú kann noch bis einschließlich Montag, 7. Januar, im Kafé Lagerhaus und der Galerie La Migration in der dritten Etage des Kulturzentrum Lagerhaus, Schildstraße 12-19, angeschaut werden. 

VON INA SCHULZE
Ostertor. Die Migrantinnentage stehen in diesem Jahr unter dem Motto „Ethnien und Migration“. Neben einem breit gefächerten Programm, das von Lesungen über Podiumsdiskussionen bis hin zum Kabarett reicht, wird auch eine Bilderausstellung der peruanischen Künstlergruppe Expresón Perú im Kafé Lagerhaus und der Galerie La Migration gezeigt. Hinter Expresión Perú verbirgt sich eine Gruppe zeitgenössischer peruanischer Künstler, die ihre Arbeiten einem breiten Publikum in Bremen und Europa präsentieren wollen. „Ich bin seit 23 Jahren in Deutschland und super glücklich und stolz, nun einen Teil meiner Kultur hier einbringen zu können“, sagt Eusevia Torrico vom Migrationsbereich des Kulturzentrums Lagerhaus.
Alle Künstler sind Absolventen der Kunsthochschule Bellas Artes in Lima und haben ihr Studium zwischen 1987 und 1991 beendet. Einer von ihnen ist Reynaldo Ari Apaza, auch unter dem Künstlernamen K‘akachi in Bremen bekannt. Der gebürtige Peruaner lebt seit vielen Jahren in Bremen und war 1996 Gründungsmitglied von Expresión Perú. Die Ausstellung, die noch bis Montag, 7. Januar, gezeigt wird, organisierte er gemeinsam mit Eusevia Torrico. Beide Organisatoren stammen ursprünglich aus Peru, Eusevia Torrico aus dem Andendorf Suyo in der Provinz Ayabaca und Reynaldo Ari Apaza aus der Hauptstadt Lima.
Die Malereien, Radierungen und Ölgemälde sollen eine Hommage an eine reiche mysteriöse, peruanische Kultur sein. „Es spiegelt sich die Identität der Künstler wider“, sagt K‘akachi. Es sei der Wunsch der Künstler, ihre kulturelle und spirituelle Geschichte in ihren Werken zum Ausdruck zu bringen. Außerdem wollen sie Elemente aus ihrer Mythologie und die heute noch vorhandene Verbundenheit von Mensch und Natur in ihren Bildern zeigen. Dargestellt werden traditionelle Feste und Rituale in leuchtenden Farben, mal abstrakt und mal realistisch. Die Unterschiede der ausgestellten Bilder ergeben sich aus den verschiedenen Techniken, der künstlerischen Orientierung und der persönlichen Lebenserfahrung.
Die Künstler lassen sich inspirieren von ihrer ethnischen Kultur. So zeigt ein Bild von Moises Escriba Sulca ein Andenvolk in demütiger Haltung mit weit fließenden Gewändern, die gemeinsam musizieren und ihre traditionellen Tänze pflegen. „Jeder Künstler hat seine eigene Fantasie, genauso wie jeder Betrachter“, sagt K‘akachi. Jeder Künstler erzähle in seinen Bildern von Träumen und authentischen Erlebnissen.
Auch K‘akachis Bilder erzählen eine Geschichte. In einem seiner zwei ausgestellten Bilder sind Figuren aus der Mythologie der Inkazeit abgebildet. Sie zeigen einen Mann und eine Frau. Mit der weiblichen Rolle verbindet der Indiana die Mutter Erde, als Lebensspenderin und Hüterin vieler Geheimnisse. Auch die abgebildeten Panflöten seien für ihn sehr wichtig, da er selbst gerne musiziere und verschiedenste traditionelle Flöten und peruanische Instrumente spiele. Die Figuren würden möglicherweise den Eindruck erwecken, als ob sie weinten. Doch traurig seien sie gewiss nicht. „Sie spielen mit Gefühl. Es ist, als ob ihr Körper wiedergeboren wird“, sagt K‘akachi und darum laufe ihnen eine Träne über das Gesicht. Auf dem zweiten Bild sei er gemeinsam mit seinem Vater dargestellt. Es spiegele den Abschied wider, als K‘akachi nach Bremen ging. Im Hintergrund vieler Bilder sind die verschiedenen Landschaften Perus abgebildet.
Es werden sogar die Bremer Stadtmusikanten im peruanischen Stil ausgestellt sowie der Roland auf einem galoppierenden Pferd, der von Urbano Astuyauri stammt.
Jeder Künstler der Expresión Perú – viele haben bereits Auszeichnung für ihre Werke bekommen – hat seinen ganz individuellen Stil, der unmittelbar mit der unterschiedlichen Herkunft der Künstler zusammenhängt. „Peru ist ein großes Land, das reich an Ressourcen ist“, sagt Torrico. Es gebe unterschiedliche Regionen, wie die gebirgigen Anden, Küstengebiete und den Regenwald, in denen ganz unterschiedliche Menschen lebten.
„Und Bremen ist eine Multikultistadt“, sagt K‘akachi, in der viel Offenheit herrsche und die ein guter Ort sei, um die peruanische Kunst zu präsentieren. Der 52-Jährige legt viel Wert darauf, dass er kein Latino ist, sondern Indiana. Ein Gesetz der Indianer sei, dass man sich gegenseitig hilft. Es sei ein Geben und Nehmen, weswegen er Expresión Perú gegründet hat und regelmäßig nach Peru reist, um seine Kollegen zu treffen. „In der Zusammenarbeit sind wir stärker“, sagt K‘akachi.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 27.12.2012 

Quelle: TAZ 13.12.12

Kultur gegen Ausgrenzung
MIGRATION Zum 14. Mal bieten die ,,MigrantInnentage" im Kulturzentrum Lagerhaus ein vielfältiges Programm mit politischen Diskussionen, Konzerten und Lesungen
VON JENS LALOIRE
„Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert“ behauptete Bundeskanzlerin Angela Merkel im Herbst 2010 auf einem Deutschlandtag der Jungen Union. Auch der SPD-Politiker Heinz Buschkowsky vertritt diese These in seinem Buch „Neukölln ist überall“ das sich seit Wochen in den Sachbuch-Bestsellerlisten tummelt.
Recai Aytas, Migrationsreferent im Bremer Kulturzentrum Lagerhaus, hält nicht viel von solchen Aussagen, mit denen Politiker lediglich versuchen würden, „Diskussionen zu steuern". Ihm sei es viel wichtiger, darauf hinzuweisen, wie die verschiedenen Kulturen die Gesellschaft bereichern. Schließlich gebe es allein in Bremen eine Vielzahl von Ethnien, „die gerne miteinander zusammenleben wollen".
Genau genommen sind es derzeit 184.000 Menschen mit Migrationshintergrund aus über 160 ethnischen Gruppen, die im Land Bremen leben. Allein diese Zahl verdeutlicht, wie bunt durchmischt unsere Gesellschaft ist. Diverse Kulturen sowie Mehrsprachigkeit sind an sich nichts Exotisches mehr, sondern gehören zum Alltag eines Großstädters. Dennoch gestaltet sich das Zusammenleben nicht immer so einfach, wie sich das viele wünschen: Weiterhin werden Menschen mit Migrationshintergrund mit Ausgrenzung, Vorurteilen oder Repressionen konfrontiert. Um darauf aufmerksam zu machen, veranstaltet der Migrationsbereich des Lagerhauses bereits zum 14. Mal die „MigrantInnentage - gegen Ausgrenzung“.
Seit Anfang Dezember laufen Veranstaltungen zum diesjährigen Schwerpunkt „Ethnien und Migration“. Das Programm ist vielfältig, neben Podiumskiskussionen gibt es Konzerte, Lesungen und (bis zum 7. Januar im Lagerhauscafe) eine Ausstellung peruanischer Künstler. 
„Kultur hat immer eine große Akzeptanz“ sagt Recai Aytas, „Politische Themen hingegen werden oft ausgegrenzt." Dass politische Debatten jedoch wichtig sind, hat in der vergangenen Woche unter anderem ein Fachtag im DGB-Haus gezeigt. Dort wurde mit Vertretern der Bremer Polizei darüber diskutiert, inwiefern es diskriminierende Vorgehensweisen in der Polizei sowie anderen Behörden gibt. Ausgangspunkt des Fachtages waren Studien, die belegen, dass häufig Personenkontrollen und Identitätsfeststellungen allein oder wesentlich auf Kriterien wie der zugeschriebenen ethnischen Zugehörigkeit oder „Hautfarbe“ einer Person basieren. Ein solches sogenanntes „ethnisches Profiling" verstößt eindeutig gegen das Verbot rassistischer Diskriminierung.
Recai Aytas hat selbst eine Vielzahl solcher Erfahrungen machen müssen. Obwohl er seit 24 Jahren in Deutschland lebe und seit 20 Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit besitze, müsse er vor allem bei den Sicherheitskontrollen an Flughäfen immer wieder erleben, dass er genauer unter die Lupe genommen wird als Passagiere ohne Migrationshintergrund.
Die Migrantlnnentage sollen auf solche Missstände hinweisen und eine Plattform für Diskussionen bieten. So wird es am morgigen Freitag im Lagerhaussaal eine Podiumsdiskussion zum Thema „Die Migrantin in der Politik“ geben. Mit dabei sein werden Zahra Mohammadzadeh, Sülmez Dogan, Valentina Tuchel und Ruken Aytas, die sich seit vielen Jahren erfolgreich und aktiv in der Politik engagieren. Von ihrer Motivation, ihren politischen Erfahrungen und Zielen werden sie während der Diskussion berichten.
Damit die Kultur nicht zu kurz kommt, gibt es anschließend ein Konzert mit der jordanisch-englischen  Sängerin Paula Darwish in Begleitung ihrer Country-&-Eastern-Band. Bereits einen Tag später, am Samstagabend, gibt es
eine Lesung mit dem in Bremen lebenden Satiriker Osman Engin, der in seinen neuesten Geschichten zum deutsch-türkischen Alltag mal wieder beweisen wird, dass man sich dem Thema „Multikulti" auch humorvoll nähern kann.

Quelle: TAZ 13.12.2012

Quelle: WK 06.12.2012

Gemeinsam gegen den Strich

Renan Demirkan ruft zum Protest gegen den Verfall der Demkratie auf und bewundert Hundertwasser

VON MONIKA FELSING
Ostertor. Stark gesüßter Schwarztee hält wach. Renan Demirkan, die Schauspielerin und Autorin, jedenfalls hat viel Energie. Und ihre Ein-Frau-Kampagne rüttelt auch andere auf. Ihr Buch „Respekt – Heimweh nach Menschlichkeit“, später Nachfolger des biografischen „Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker“, ist ein engagiertes Plädoyer für bürgerlichen Ungehorsam. Wie Stéphane Hessel (95), der „Empört euch“ ruft, versucht die Humanistin Renan Demirkan ihr Publikum beim Auftakt der Migrantinnentage zum Handeln zu bewegen: Warum nicht raus auf die Straße und gegen den Verfall der Demokratie protestieren?
Zwar hat keiner der 60 Zuhörerinnen und Zuhörer anschließend Stühle aus dem Saal des Lagerhauses geschleppt, aber auch ohne das spontane Sit-in ist die politische Botschaft bei einigen angekommen. „Eine starke Frau“, sagt Eusevia Torrico vom Migrationsbüro des Lagerhauses, die die Migrantinnentage gemeinsam mit ihrem Kollegen Recai Aytas organisiert hat. „Das Buch selbst ist sehr anspruchsvoll, aber wenn sie persönlicher wurde, dann konnte ich sie wunderbar nachvollziehen. Ihre Energie ist bei mir angekommen.“
Die Probe für ihre Lesung hätte die Autorin fast verpasst. Das geht zumindest aus einer Promi-Meldung der Pressestelle der Kunsthalle hervor: Renan Demirkan habe die Sonderausstellung besucht und sich nur schwer von Friedensreich Hundertwassers Werken lösen können. Der bekennende Fan des österreichischen Künstlers sei beeindruckt gewesen von dessen Frühwerk, vor allem von der „Linie des Lebens“. Bei näherer Betrachtung dürfte auch der Untertitel der Sonderschau Renan Demirkan angesprochen haben: „Gegen den Strich“ schreibt die Bundesverdienstkreuzträgerin mit Vorliebe. Ihr nächstes Buch soll davon handeln, wie Hartz IV die Menschenwürde verletzt.
Über den Unterschied zwischen Toleranz und Respekt gab es einen Disput im Lagerhaus, doch in der von Libuse Cerna, der Vorsitzenden des Rates für Integration, moderierten Diskussion wurde auch viel und herzlich gelacht. Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker ist eben nicht das Einzige, das wach hält. Streitlust und Humor tun es auch.
Die Migrantinnentage gegen Ausgrenzung gehen weiter. Ab morgen läuft im Lagerhaus, Schildstraße 12-19, die „Expresión Perú“. „Casino“ spielt am Sonnabend, 8. Dezember, ab 20 Uhr kubanische Tanzmusik (zehn, ermäßigt acht Euro). Ab 22 Uhr legt Michel Faustino Cortes Ruis Cumbia auf (Eintritt frei). Am Sonntag, 9. Dezember, stellt Nuh Ates ab 16 Uhr sein Buch „Tayek Por“ vor. Am Freitag, 14. Dezember, diskutieren Zahra Mohammadzadeh, Sülmez Dogan, Valentina Tuchel und Ruken Aytas ab 18 Uhr im Lagerhaus. Paula Darwish gastiert dort am selben Tag um 21.30 Uhr bei freiem Eintritt, Osman Engin am Sonnabend, 15. Dezember, um 18 Uhr (fünf Euro). Mehr unter Telefon 70 1000-20 und -21.

 

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 06.12.2012 

Quelle: WK 29.11.12

Renan Demirkan fordert Respekt für alle

Autorin eröffnet die Migrantinnentage im Kulturzentrum Lagerhaus mit einer Buchvorstellung und Diskussion

Die Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan eröffnet die Migratinnentage. Am Sonnabend, 1. Dezember, liest sie um 19 Uhr im Kulturzentrum Lagerhaus.
VON INA SCHULZE
Bremen. Laut Statistischem Landesamt haben knapp 30 Prozent der Menschen in Bremen einen sogenannten Migrationshintergrund. „Es gibt viele Ängste, weil man wenig weiß über andere Ethnien“, hat Eusevia Torrico vom Migrationsbüro des Kulturzentrums Lagerhaus festgestellt. „Wir kämpfen dafür, die Vorurteile abzuschaffen, und für mehr Toleranz“, betont ihr Kollege Recai Aytas. Um den Dialog zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen anzuregen, veranstaltet das Kulturzentrum die 14. Migrantinnentage, diesmal unter dem Motto „Ethnien und Migration“.
7000 Menschen haben vergangenes Jahr Veranstaltungen der Reihe besucht. Traditionell tritt auch Osman Engin auf. „Ohne Osman geht es nicht“, sagt Eusevia Torrico, die in dem Andendorf Suyo in der Provinz Ayabaca (Peru) geboren ist. Erstmals dabei ist die Gruppe Casino, die kubanische Tanzmusik spielen wird.
Einer der Höhepunkte der Woche kommt gleich zu Anfang: Die Grimme-Preisträgerin, Schauspielerin und Bestsellerautorin Renan Demirkan wird am Sonnabend, 1. Dezember, um 19 Uhr ihr Buch „Respekt – Heimweh nach Menschlichkeit“ im Lagerhaus vorstellen. „Renan Demirkan hat eine wunderbare Veröffentlichung herausgebracht“, sagt Recai Aytas. „Und wir brauchen Respekt.“
„Ich finde es sehr traurig, dass Migranten in diesem Land immer noch wie ein Ausnahmefall behandelt werden“, sagt Renan Demirkan. Ihr Buch handele davon, wie sich die Textur der Kultur, der Zivilisation und des Alltags aufzulösen begonnen habe, und das nicht, weil es unerschiedliche Ethnien gibt, sondern vor allem weil sich Produktionssysteme verändert haben, weil die Virtualisierung eine neue Feudalherrschaft geschaffen habe. „Wir sind in einem Zwangslager des Kapitalismus und kommen offensichtlich nicht mehr da raus. Wir haben eigentlich andere Probleme, als über Ethnien zu sprechen, weil wir alle darunter leiden“, sagt Demirkan.
Natürlich müssten alle voneinander wissen, aber das auf Ethnien zu beschränken, sei ein Fehler. „Ich hätte es lieber, dass dieses Kennen gesellschaftsübergreifend ist“, sagt die 57-Jährige, „über alle Schichten.“ Es gebe so viele Probleme, wie die Arbeitslosigkeit, und man könnte sich zusammensetzen, Gedichte darüber lesen, gemeinsam Musik machen, reden oder einfach miteinander diskutieren, wie es vielleicht besser werden könnte. „Aber offensichtlich sind diese sozialen Schwerpunkte immer noch nur unter einem ethnischen Schirm versammelt“, sagt Renan Demirkan.
In ihrem Buch versucht sie zu erklären, warum nur Respekt die Gesellschaft zusammenhalten kann. Der Respekt betreffe nicht irgendeine besondere Gruppe und stelle auch keinen Herrschaftsanspruch. „Respekt heißt: zurücksehen, ansehen, den Menschen in seiner Gesamtheit erkennen, es schafft ein Wir“, sagt Renan Demirkan. „Meine Utopie von einem Leben auf Augenhöhe bedeutet einen Paradigmenwechsel. Von der Schule bis zum Alter anders miteinander umzugehen, anders Geld zu verdienen und auch anders mit den Ressourcen umzugehen, dem kulturellen Zuwächsen und Erweiterungen.“
Die Ressource Mensch sollte ganzheitlich wahrgenommen und ausgeschöpft werden und nicht ausgenutzt, wie es zurzeit der Fall sei. Die Produktionsbedingungen hätten sich so verändert, dass Menschen flexibel sein müssen. Und diese Flexibilität basiere auf Bindungslosigkeit. Das führe dazu, dass Menschen verantwortungslos würden und Loyalität, Kontinuität und Verbindlichkeiten wegfielen. „Die Vereinsamung und die Absplitterung werden größer, darin lösen sich tradierte Kulturgüter ebenfalls auf, wie zum Beispiel die Demokratie, und das ist eben etwas, was ich thematisiere in ,Respekt’“, sagt die Bundesverdienstkreuzträgerin.
Sie verweist darauf, dass Neugeborene nach dem Schrei als Erstes eine Faust machen. Das sei ein Urreflex, der Griff ins Fell, um nicht zu fallen und nicht allein zu sein. „Wir sind soziale Wesen, wir kommen auf die Welt und schreien nach einem Halt. Ein Ich wird man nicht allein, ein Ich braucht ein Gegenüber, das reagiert“, sagt Demirkan. Stattdessen verschwänden Menschen in der Zweidimensionalität der Bildschirme, bilde sich die Fähigkeit zurück, sich in andere hineinzuversetzen, Empathie zu empfinden. „Was wir tun müssen, ist, reale Welten und Begegnungen beibehalten. Aber die lösen sich zunehmend auf“, sagt Demirkan. „Was ich möchte, ist ein Zurückkommen auf Augenhöhe. Wir sind das Kapital, wir sind die Ressource, und zwar ethnien- und religionsübergreifend.“ Der Mensch werde in die Mitte der Welt geboren und erst später zum Rand gemacht. „Wir müssen jetzt an die Ränder gehen und die Menschen dort abholen, wo sie sind“, sagt Demirkan, „wir müssen dem, was jetzt passiert, nicht starr entgegen stehen. Respekt kommt nicht von allein, Demokratie wird nicht vererbt, dafür müssen wir kämpfen. Das müssen wir wollen, und darüber müssen wir reden.“
Näheres auf dieser Seite.

 

Migration und Ethnien als Schwerpunkt

Bremen (wk). Mit einer Bundesverdienstkreuzträgerin beginnen die „Migrantinnentage gegen Ausgrenzung“: Renan Demirkan stellt ihr Buch „Respekt – Heimweh nach Menschlichkeit“ am Sonnabend, 1. Dezember, um 19 Uhr im Kulturzentrum Lagerhaus, Schildstraße 12-19, vor. Der Eintritt ist frei. Libuse Cerna moderiert die Diskussion. Tags darauf geht es um kurdische Migration nach Deutschland – der Arzt Sükrü Güler, Bundesvorsitzender des Vereins Komkar, spricht am Sonntag, 2. Dezember, um 12 Uhr im Lagerhaus.
Organisiert wird die von vielen Institutionen unterstützte Reihe im Migrationsbüro des Lagerhauses, der Schwerpunkt ist diesmal „Ethnien und Migration“, Kooperationspartner sind die Referate Integrationspolitik bei der Senatskanzlei und Zuwandererangelegenheiten bei der Sozialsenatorin. Die Polizei und der Verein Arbeit und Leben bringen sich mit dem Fachtag „Halt! Polizei! Ethnisches Profiling im Spannungsfeld des Gleichbehandlungsgrundsatzes“ ein – Dienstag, 4. Dezember, von 9 bis 18 Uhr im Gewerkschaftshaus am Hauptbahnhof. Anmeldung erforderlich.
Vom Freitag, 7. Dezember, bis 7. Januar wird im Kafé Lagerhaus und der Galerie La Migration die „Expresión Perú“ laufen. Die peruanischen Künstler stellen erstmals gemeinsam in Europa aus. Eine weitere Premiere ist der Auftritt von Casino. Das international besetzte Quintett spielt am Sonnabend, 8. Dezember, ab 20 Uhr kubanische Tanzmusik im Lagerhaus. Die Karten kosten zehn, ermäßigt acht Euro. Ab 22 Uhr legt dann Michel Faustino Cortes Ruis aus Mexiko Cumbia auf. Der Eintritt ist frei.
Am Sonntag, 9. Dezember, stellt Nuh Ates ab 16 Uhr sein Buch „Tayek Por“ im Kafé Lagerhaus vor. Die Lesung ist auf Kurdisch. Vier Migrantinnen, die sich in der Bremer Politik engagieren, laden für Freitag, 14. Dezember, um 18 Uhr zum Diskutieren in den Saal des Lagerhauses ein: Zahra Mohammadzadeh, Sülmez Dogan, Valentina Tuchel und Ruken Aytas sind iranischer, türkischer, russischer beziehungsweise kurdischer Herkunft. Die Liedermacherin Paula Darwish, Tochter britisch-jordanischer Eltern, rockt gemeinsam mit Musikern aus Bremen am Freitag, 14. Dezember, ab 21.30 Uhr das Lagerhaus. Der Eintritt ist frei.
Wie immer tritt Osman Engin bei den Migrantinnentagen auf. Der deutsch-türkische Bremer Humorist präsentiert am Sonnabend, 15. Dezember, ab 20 Uhr im Lagerhaus eine Auswahl seiner besten Werke – Texte mit Witz, satirisch und bissig. Die Karten kosten fünf Euro.
Im Bürgerhaus Mahndorf, Mahndorfer Bahnhof 10, wird am Sonntag, 16. Dezember, ab 14.30 Uhr, ein Erinnerungskonzert an Ruhi Su veranstaltet. Der vor 100 Jahren geborene türkische Volkssänger und Sazspieler ist 1985 gestorben. Das Konzert ist eine Zusammenarbeit mit dem Bremer Freundschaftschor. Näheres speziell dazu unter 42 80 39 40 und 0170 / 98 106 24.
Ein anderer guter alter Bekannter kommt am Sonnabend, 22. Dezember, um 20 Uhr ins Lagerhaus: „Tags Deutscher, nachts Türke“ heißt das Programm des Kabarettisten Mussin Omurcan. „Der ist sehr begehrt, da sollte man sich besser Karten reservieren lassen“, rät Recai Aytas, der die Reihe gemeinsam mit seiner Kollegin Eusevia Torrico organisiert. Karten kosten zehn Euro. „Omurca war ein Wunsch von vielen Seiten“, sagt Recai Aytas, ein Kurde. Er selbst erlebt Bremen als sehr weltoffene und tolerante Stadt. Und er sagt: „Ich bin stolz, ein Bremer zu sein.“
Näheres unter Telefon 70 1000-20 und -21 im Lagerhaus, www.migration-bremen.de.


© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 29.11.2012 

19.10.12 LESUNG mit Ozan Ceyhan "MAN WIRD NIE DEUTSCHER"

(Artikel erschienen im Stadteil Kurier Mitte am 25.10.12)

„Man wird nie Deutscher“


Ozan Ceyhun, Autor, politischer Berater und ehemaliger SPD-Abgeordneter im Europaparlament, hat auf Einladung der Migrationsabteilung sein Buch „Man wird nie Deutscher“ im Lagerhaus vorgestellt. Zu dem Thema Integration in Deutschland bietet er Diskussionsstoff.

VON JANNA KAHRS
Ostertor. Ozan Ceyhun, der Berater des stellvertretenden türkischen Ministerpräsidenten Egeman Bagis, hat im Kulturzentrum Lagerhaus an der Schildstraße aus seinem Buch „Man wird nie Deutscher“ vorgelesen. Das autobiografische Werk handelt von den Integrationsversuchen des ehemaligen Abgeordneten des Europaparlaments in Deutschland und seinen Begegnungen mit deutscher Bürokratie.
„Der Titel kann abschrecken,“ sagt Recai Aytas, der als Migrationsreferent im Lagerhaus Schildstraße arbeitet. „Das Thema wird aber heute diskutiert.“ In tagebuchähnlichen Kurzgeschichten lässt Ozan Ceyhun, der 1960 in Adana (Türkei) geboren ist und nach dem Militärputsch über Österreich nach Deutschland ausgewandert war, seine Leser und Zuhörer miterleben, wie sein Versuch, als Deutscher anerkannt zu werden, gelaufen ist.
Es sei „ein Versuch zu schildern,“ wie sich ein Mensch fühle, „der aus politischen Gründen nach Deutschland kam und versuchte, aus diesem fremden Land ein neues Heimatland für sich zu schaffen“, sagt Ozan Ceyhun. „Man kann lesen, was ihm gelungen ist und was ihm nicht gelungen ist.“
Das Buch sei entstanden, weil ihn die Journalistin Susanne Güsten zu dem Thema Integration von Deutsch-Türken interviewt habe. Kurz darauf habe sie den Artikel unter der Überschrift „Man wird niemals Deutscher“ veröffentlicht, der zum späteren Buchtitel geworden ist.
Auf diesen Artikel habe es viele Zuschriften per Mail gegeben, sagt Ozan Ceyhun, und er habe sich dadurch veranlasst gefühlt, dieses Buch zu schreiben. Er habe Kathrin Nord als Ghostwriterin gewonnen. „Ich möchte nicht auf Deutsch etwas schreiben, weil ich der Sohn eines berühmten, türkischen Schriftstellers bin und Respekt habe vor der Literatur“, sagt Ozan Ceyhun, der in der Türkei Zeitungsartikel schreibt.
Begegnung mit Schröder
„Für mich war es sehr wichtig, dass das Buch das Produkt einer Teamarbeit sein sollte“, sagt der frühere Politiker. „Ich habe erzählt, und Kathrin Nord hat das Buch geschrieben. Und es ist ihr gelungen.“ Der Tenor des Buches sei auch nicht nur kritisch, sondern es handele sich auch um Berichte über seine Kindheit, Jugend und als junger Erwachsener.
„Man wird niemals Deutscher“, hat der gelernte Erzieher aus seinen Erfahrungen gefolgert. Er nimmt aber auch an, dass es schwierig sei, Deutscher zu sein. „Wenn ich jemals ein Deutscher geworden wäre, dann im Europaparlament“, sagt er. Als Abgeordneter aus der Bundesrepublik müsse man immer „doppeldiplomatisch“ sein „wegen der Geschichte und weil es ein mächtiges Land ist“.
Der mit einer Deutschen verheiratete Autor, der mit seinen beiden Kindern Deutsch gesprochen hat, erzählt seinen Zuhörern auf spritzige Art, wie schwierig es gewesen wäre, deutschen Behörden zu beweisen, dass er und seine Frau keine Scheinehe führten. Bei der Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft habe man ihnen Steine in den Weg gelegt.
In der Lesung erwähnt Ceyhun auch eine Begegnung mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Er habe ihm, dem SPD-Europaabgeordneten und Mitglied des Innenausschusses im Europäischen Parlament, die Frage gestellt, weshalb seine Landsleute denn noch immer Erdogan wählten. Ozan Ceyhun fragte sich, wen Schröder wohl gemeint habe mit „Landsleuten“. Heute sei er für diese Erfahrung auch dankbar, weil er dadurch begriffen habe: „Aus einem Türken kann kein Deutscher werden. Es war falsch, Integration als Deutschsein zu verstehen.“
Trotzdem habe er sich bei der SPD und davor bei Bündnis 90/die Grünen integriert gefühlt, sagt Ozan Ceyhun, der nach seiner Zeit als Politiker in die Privatwirtschaft gewechselt ist. Heute ziehe er eine Doppelstaatsbürgerschaft vor, denn auf diese Weise könne man sich in verschiedenen Ländern zu Hause fühlen.
Ozan Ceyhun (und Kathrin Nord), „Man wird nie Deutscher“, Rowohlt-Taschenbuch. 

 

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 25.10.2012 

15.10.12 bis 19.10.12 INTERKULTURELLE KINDERTHEATERWOCHE "DAS KLEINE SEEPFERDCHEN"

(Artikel erschienen im Stadteil Kurier - MITTE / 22.10.12)

Fremde werden Freunde

VON CHRISTIANE TIETJEN
Ostertor·Hulsberg. Seit 15 Jahren organisiert das Migrationsbüro des Lagerhauses Interkulturelle Kindertheaterwochen. Zu Gast an fünf Bremer Grundschulen war dieses Mal nach bewährtem Erfolgskonzept die Theatergruppe Tiyatrom aus Berlin. Die Gruppe führte „Das kleine Seepferdchen“ auf – unter anderem an der Grundschule an der Stader Straße.
Da fängt die Seepferdchenmama vor Verblüffung an zu stottern: Ihre Tochter will nicht wie üblich mit ihr spazieren schwimmen, sonders etwas von der Welt sehen! Das löst Ängste aus, geschürt von der aufgebrachten Nachbarin. Doch Tara setzt sich durch, schwimmt davon und lernt Frösche, Krebse, Eidechsen und Quallen kennen. Viele Gefahren muss sie bestehen, aber sie schließt auch gute Freundschaften.
Das Lustspiel nach dem Märchen von Samad Behrangi fasziniert die Kinder. Mit Rufen und Bewegungen feuern sie Maria de Rosa, Celal Bozat und Deniz Ekinci an, die in verschiedene Rollen schlüpfen. Belustigt sind sie von den witzigen Dialogen und den gut gezeichneten Charakteren mit ihren paddelartigen Bewegungen, und staunen über die farbenfrohen, der Natur abgeschauten Kostüme. Das grüne Froschmaul, die roten Krebsscheren, der Kaulquappenschwarm als Mobile, die beutegierige Qualle mit ihren wiegenden Schleiern – das sind starke Bilder.
Ganz spielerisch und mit viel Temperament wird das Thema Fremdenfeindlichkeit von Tiyatrom dargestellt. Die Angst vor dem Neuen, dem anderen wird mit kindlicher Neugier, freundlicher Hilfsbereitschaft und viel Humor überwunden. „Wir haben etwa 20 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund“, sagt Schulleiterin Birgit Möller-Helken. „Bei unserer zweiten Theatervorstellung haben wir fünf Kindergärten aus der Umgebung eingeladen. Das sind unsere zukünftigen Schüler!“
Die interkulturelle Kindertheaterwoche wird unterstützt von Sponsoren und dem Referat Integrationspolitik und Zuwandererangelegenheiten. Das Theater Tiyatrom spricht eine Sprache, die alle verstehen, egal, wie alt sie sind oder woher sie kommen.
© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 22.10.2012 



28.09.12: I³: IDENTITÄT - INTEGRATION - IDEEN

(Artikel erschienen im Stadtteil Kurier - MITTE / 04.10.12)

Jugendliche wollen Freiraum und Mitspracherecht
Jugendliche wollen raus – und brauchen dafür auch Platz. Der Wunsch nach einem autonomen Zentrum oder einer anderen Möglichkeit, sich im Viertel zu treffen, stand ganz oben bei den Wünschen für ein jugendgerechtes Viertel. Außerdem wurden beim Workshop „I³“ im Lagerhaus Pläne für ein Theaterprojekt geschmiedet.

VON LIANEJANZ

Ostertor. Bis zu 20 Mädchen und Jungen zwischen neun und 20 Jahren sind der Einladung zum Workshop „I3 – Identität, Integration, Ideen“ ins Lagerhaus gefolgt. Im Kulturzentrum haben sie Pläne für ein Theaterprojekt geschmiedet, das für Toleranz und Respekt werben soll. Die Beiräte der Stadtteile Mitte und Östliche Vorstadt hatten die jungen Leute dazu aufgefordert, in Absprache mit der Integrationsabteilung des Lagerhauses, dem Panafrikanischen Verein und dem Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit (Vaja).

Schon vor dem Workshop haben die Beiratsmitglieder in den Schulen und Jugendeinrichtungen des Viertels Postkarten verteilt, auf denen die Mädchen und Jungen Wünsche für ihr Quartier, aber auch Kritikpunkte kundtun konnten. „Bei den Wünschen ging es ganz oft um dieses Selbstverwaltete, Autonome“, sagt Heike Blanck. Bei ihr im Ortsamt werden die Postkarten derzeit gesammelt und ausgewertet. Die Wünsche der Jugendlichen sind vielfältig. Oft haben sie mit mehr Frei- und Aufenthaltsraum zu tun, aber auch politische Mitsprache wird gefordert und ein Tag beim Viertelfest, den die Kinder und Jugendlichen planen und gestalten dürfen. Die beiden Beiräte stellen 6000 Euro für die Verwirklichung dieser Ideen zur Verfügung. Eine Jury aus Jugendlichen wird voraussichtlich nach den Herbstferien entscheiden, welche Ideen etwas von dem Geld bekommen.

Jurymitglieder gesucht

Die Jugendlichen, die am Workshop teilgenommen haben, haben das Theaterstück geplant. Sobald klar ist, ob und wie viel Geld sie von der Jury zugesprochen bekommen, soll das Stück geschrieben, besetzt und geprobt und schließlich an Schulen aufgeführt werden.

Für die Jury, die die Wünsche und Ideen prämiert, haben sich bislang sechs Mädchen und Jungen zur Verfügung gestellt. Weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden noch gesucht. Interessenten können sich bei Heike Blanck im Ortsamt unter Telefon 3 61 40 57 melden.

 

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 04.10.2012 



Quelle: WeserKurier 28.09.12

SPK in Bremen: Auszeichnung des Projektes

"15. Interkulturelle Kindertheaterwoche 2012"

07. Juni 2012: Die Yeziden, eine uralte Religionsgemeinschaft

(Artikel erschienen im Stadtteil Kurier MITTE / am 21.Juni 2012)

Weder Muslime noch Christen: Yeziden haben eigene Religion
Kurdische Minderheit stellte sich in einer Runde im Lagerhaus Schildstraße vor / Angehörige der Gruppe wohnen mehrheitlich in Tenever

VON CAROLIN HENKENBERENS
Ostertor. Ob in Syrien, der Türkei, Armenien, Georgien oder im Irak: Die uralte Religionsgemeinschaft der Yeziden gehört zu einer bedrohten Minderheit im Nahen Osten. 50 000 Yeziden leben heute in Deutschland, ein paar Tausend auch in Bremen. Beim ersten Teil der Reihe „Integration und Religion“ im Lagerhaus Schildstraße präsentierte der Verein Komkar die Religion der Yeziden und ihre Traditionen.
„Es gibt oft Vorurteile und fest gefügte Bilder, die den Gruppen nicht gerecht werden“, sagt Silke Harth, die Migrations-und Integrationsbeauftragte der Bremischen Bürgerschaft. In Bremen leben nach ihren Informationen „einige hundert Familien“ yezidischen Glaubens, die meisten von ihnen in Tenever. „Die breite Masse weiß ganz wenig über die Yeziden“, glaubt auch einer der Veranstalter vom Kurdischen Verein Komkar, Kamil Görgün.
Wie sehr Yeziden im Nahen Osten wegen ihrer Religion diskriminiert und verfolgt werden, weiß Kemal Sido. Der Historiker ist Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. „Yeziden werden als Teufelsanbeter bezeichnet“, sagt er, denn Yeziden glauben nicht nur an Gott, sondern auch an den Oberengel Melek Tausi. „Yeziden sind keine Muslime und keine Christen, sondern eine eigenständige Glaubensgemeinschaft“, hebt Sido hervor. Ethnisch sind sie Kurden, Kurdisch ist ihre Muttersprache.
In der Türkei leiden Yeziden deshalb unter einer doppelten Ausgrenzung. Einerseits, weil sie Kurden sind, und andererseits aufgrund ihrer Religion. Viele Yeziden wechselten daher den Glauben oder wanderten aus, sagt Kemal Sido. Von den einst 300 000 Yeziden in der Türkei seien nur noch rund 400 übrig geblieben. Die Türkei betrachte das Yezidentum nicht als eigene Religion, sondern als dem Islam zugehörig. In der Schule zwinge man Kinder in den islamischen Religionsunterricht.
In Syrien ist es noch schwieriger für Yeziden. „Die Lage dort wird immer schlimmer“, sagt Sido, ein Muslim, der selbst in Syrien aufgewachsen ist. Das diktatorische Regime von Baschir al-Assad erkenne Yeziden die Staatsangehörigkeit ab. Arbeitslosigkeit sei die Folge. Im Irak, wo sich das geistliche Zentrum der Yeziden befindet, ist die Religionsgemeinschaft zwar anerkannt, doch immer wieder verüben Islamisten Anschläge auf sie. „Wir fordern deshalb, in Deutschland lebende Yeziden nicht in ihre Heimat abzuschieben“, appellierte Sido.
„Deutschland ist ein Ort der Freiheit, weil wir uns hier zum ersten Mal zu unserer Religion bekennen konnten“, sagt Ilyas Yanc, der Yezide vom Verein Yezidisches Forum Oldenburg. In das Yezidentum müsse man hineingeboren werden, Übertritt oder Bekehrung sind somit nicht möglich, erklärt der heute 32-Jährige, der in den Achtzigern mit seinen Eltern aus der Türkei geflohen ist. Eine religiöse Schrift kennen Yeziden nach seiner Darstellung nicht: „Bei uns ist alles mündlich überliefert.“ Auch Gottesdienste oder Kirchen gebe es nicht, Hochzeiten und Taufen feiere man jedoch umso ausgiebiger. Die niedrigere soziale Stellung der Frau sei eher kulturell beeinflusst, ebenso wie die Zwangsheirat. Die Yezidischen Gemeinden in Deutschland seien in diesen Punkten wesentlich fortschrittlicher als Gläubige aus Dörfern im Nahen Osten.
„Und wie wird der Glaube an die nächsten Generationen weitergegeben?“, fragt Rose Körner aus Walle, weil es keine schriftliche Aufzeichnungen gibt. Die Sheikhs könnten alle Verse auswendig, antwortet ihr Ilyas Yanc. Angelika Noll aus Oldenburg will wissen, ob Frauen Kopftücher tragen müssen und wie das mit dem Schulsport für Mädchen ist. Einige der Frauen trügen zwar Kopftücher, sagt Yanc, verpflichtend sei das allerdings nicht. Sportunterricht für Mädchen sei erlaubt.
Die Veranstalter der Reihe im Lagerhaus zitieren eine Frau, die Chemie- und Physik-Nobelpreisträgerin Marie Curie: Was man verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr. Auch sie wollen verstanden werden.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 21.06.2012


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