Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich MIGRATION
Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich MIGRATION

Presse 2014

  • 24.12.2014: "Problem mit Hilfstransport" - WK
  • 18.12.2014: "Große Spendenbereitschaft", 
    "Helfende Hände werden gebraucht" - WK
  • 28.11.2014: "Bremer Hilfe für Syrien und den Irak" - WK
  • 27.11.2014: "Plötzlich hatten wir eine Bühne" - WK
  • 09.11.2014: "In Bremen zu Hause" - WK
  • 06.11.2014: "Theater Tiyatrom wirbt in fünf Grundschulen
    für Verständnis und Toleranz - Gemeinsam geht alles besser" - WK
  • 2014: Auszeichnung für das Projekt "Interkulturelle Kindertheaterwoche. Sparkasse in Bremen
  • 10.07.2014: "Ausgedachte Landschaften" - WK
  • 03.2014: "Cuba & Bremen" - Mix
  • 13.03.2014: "Es werden Ängste abgebaut" - BIT Projekt - Die Norddeutsche
  • 21.02.2014: "Ich passte nicht mehr in die Welt rein" - TAZ

Problem mit Hilfstransport

 

Bremen (wig). Abreise mit Hindernissen: ein Lastwagen, der mit Hilfsgütern für Jesiden beladen war und sich noch vor Weihnachten von Bremen auf den Weg in den Nordirak machte, konnte am Dienstag zunächst nicht starten. Erst nach einigen Diskussionen mit Behörden habe das Fahrzeug, wie es dann am Nachmittag hieß, die Hansestadt verlassen können. Der Lastwagen war, so der Bürgerschaftsabgeordnete Cindi Tuncel, mit rund 800 Paketen beladen, die im Rahmen der Aktion „Bremen hilft“ gesammelt worden seien. Unter anderem solle Kleidung verteilt werden, um notleidenden Jesiden im Winter zu helfen.
Der Wagen war beladen, die Abfahrt aber dann offenbar mit Unstimmigkeiten verbunden. Verantwortliche für den Transport drängten, der Zoll aber betonte, er können keine Freigabe für die Ausfuhr erteilen. Er sei nicht, wie es angezeigt gewesen wäre, vorab über das Verpacken der Ladung informiert worden und habe so die Güter nicht in Augenschein nehmen können. Zudem habe es gestern zunächst spürbar an der notwendigen Bereitschaft gefehlt, einer Prüfung des beladenen Wagens durch den Zoll zuzustimmen. Ohne solche Stichproben aber könne die Zustimmung zu einer Warenausfuhr nicht per Stempel dokumentiert werden. Es gebe Güter, so hieß es beim Zoll, die genehmigungspflichtig seien oder auch gar nicht ausgeführt werden dürften – deshalb müsse es möglich sein, die Ladung in Augenschein zu nehmen. Im Verlauf des Tages aber kamen sich die Verantwortlichen des Hilfstransports und der Zoll offenbar näher.
Quelle: Weserkurier

Helfende Hände werden gebraucht

 

Eineinhalb Monate lang haben Bremer Kleidung für syrische und irakische Flüchtlinge gespendet. In einer Halle in der Überseestadt hat die Initiative „Bremen hilft“ nun damit begonnen, die Sachspenden zu sortieren und sie für den Transport zu den Zeltlagern im Libanon, Nordirak und der Türkei zu verpacken. Die Initiatoren sind von der Hilfsbereitschaft begeistert. Bedarf gibt es trotzdem noch: an Geldspenden und Menschen, die mit anpacken.
VON KATHARINA DELLING
Überseestadt. In der Lagerhalle, Am Holzhafen 10, herrscht reges Treiben an diesem dritten Advent. Viele Mitglieder der kurdischen Gemeinschaft Komkar und der Ezidischen Gemeinde sind gekommen, um Kleidung zu sortieren und Kartons zu packen. In der Mitte der Lagerhalle häufen sich massenweise blaue Säcke voller Kleidungsstücken.
Links an der Wand stehen die bereits beschrifteten Kartons, auf der anderen Seite der großen Halle haben die Helferinnen und Helfer die Kleidung auf Tapeziertischen ausgebreitet: Winterkleidung wird verpackt, Sommerkleidung oder beschädigte Kleidungsstücke werden entsorgt.
Erster Transport noch vor Silvester
Seit dem 27. November gibt es das Aktionsbündnis „Bremen hilft“. Seit dem haben viele Bremerinnen und Bremer ihre Kleiderschränke und Keller geplündert, um irakische oder syrische Flüchtlinge in der Ferne mit Sachspenden zu unterstützen. Im Libanon, Nordirak und in der Türkei leben derzeit mehrere Millionen Flüchtlinge in Zeltlagern. Die Temperaturen dort liegen im Winter weit unter null Grad, es regnet und schneit. Viele der Kinder haben weder Schuhe noch warme Kleidung.
Die Idee zu „Bremen hilft“ wurde dieses Jahr nach den ersten Anschlägen der Terrormiliz Islamischer Staat (Isis) geboren. Den Anstoß dazu gaben die Ezidische Gemeinde und Komkar, woraufhin sich Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) und Helmut Hafner von der Senatskanzlei mit den Bürgerschaftsabgeordneten Ruken Aytas (SPD) und Cindi Tuncel (Linke) zusammensetzten. Schnell sei klar gewesen, dass „Bremen hilft“ ein großes, religions- und parteiübergreifendes Projekt werden müsse, um die Hilfe aufzubringen, die die Flüchtlinge benötigen, erzählen Aytas und Tuncel, die beide selbst mit anpacken.
„Helmut Hafner hat wirklich hervorragende Arbeit geleistet, er hat dafür gesorgt, dass wir uns alle zusammen an einen Tisch gesetzt haben, um von Bremen aus ein Zeichen zu setzen“, sagt Cindi Tuncel. So kam es, dass auch die islamische Religionsgemeinschaft Schura, die islamische Religionsgemeinschaft Ditib, die jüdische Gemeinde, die evangelische und die katholische Kirche Bremen, die Diakonie-Katastrophenhilfe und das Kulturzentrum Lagerhaus hinzukamen, um zu helfen. So sei das bundesweit erste organisations- und parteiübergreifende Aktionsbündnis dieser Art entstanden, sagt Cindi Tuncel.
Es sei wichtig gewesen, Klartext zu reden und deutlich zu machen, dass es eben nicht um Religionen gehe, sondern darum, Menschen in Not zu helfen, betont Ruken Aytas. Sie und ihr Mann Recai Aytas vom Migrationsbüro im Kulturzentrum Lagerhaus hatten dafür Handzettel entworfen, drucken und übersetzen lassen – auf Kurdisch, Arabisch, Türkisch, Englisch und Deutsch.
„Den Flüchtlingen geht es auch nicht um Religion, sondern sie wohnen da alle zusammen, der einzige Feind ist Isis, und da ist es wichtig, dass man das auch hier auf eine große Fahne setzt und die Religionsunterschiede überwindet“, sagt die Bürgerschaftsabgeordnete. Tuncel nickt zustimmend und ergänzt: „Wir halten hier zusammen, wir arbeiten zusammen, wir leben friedlich zusammen und zeigen das auch nach außen.“
Ruken Aytas und Cindi Tuncel sind begeistert von der Spendenbereitschaft der Bremerinnen und Bremer. Seit Ende November wurden in der Lagerhalle Spenden abgegeben. „Jetzt müssen wir erst mal Herr der Lage werden und die ganzen Sachen sortieren“, sagt Ruken Aytas. Damit angefangen wurde am vergangenen Wochenende. Der erste Lastwagen soll noch vor Silvester in Richtung Flüchtlingslager losfahren. Doch bis dahin ist noch einiges zu tun. Der Berg von blauen Säcken in der Halle wird nur langsam kleiner, und die Verhandlungen mit verschiedenen Transportunternehmen dauern noch an. „Wir haben uns vorgenommen, nicht mehr als 3500 Euro für den Transport zu zahlen – momentan müssen wir aber noch hart verhandeln“, sagt Aytas. Doch nicht nur für den Transport werden Geldspenden dringend benötigt. Die nichtstaatlichen Organisationen vor Ort, mit denen „Bremen hilft“ zusammenarbeitet, sollen auch Medikamente und Nahrungsmittel für die Flüchtlinge besorgen. Für die Geldspenden wurde ein eigenes Konto eröffnet. Tuncel und Aytas schätzen, dass sie noch mindestens bis zum Sommer 2015 stark auf Geldspenden angewiesen sind. „Die Menschen vor Ort setzen große Hoffnung in uns, und wir können zu 100 Prozent sichergehen, dass die Spenden dort auch alle ankommen“, sagt Cindi Tuncel. Er und Ruken Aytas wollen baldmöglichst auch selbst die Flüchtlingslager besuchen, um sich ein Bild von der Lage zu machen.
Fragen zu der Aktion und zu Spendenkonten beantworten Cindi Tuncel unter 0173 / 805 71 91 und Ruken Aytas unter 0172 / 433 80 74. Wer mithelfen will beim Sortieren und Anpacken, kann das montags bis mittwochs von 15 bis 20 Uhr und sonnabends und sonntags von 12 bis 18 Uhr in der Lagerhalle Am Holzhafen 10 tun.
Quelle: Weserkurier

Bremer Hilfe für Syrien und den Irak

 

Jesiden und Muslime sitzen gemeinsam am Tisch, Juden und Christen, Vereine und Bürgerschaftsabgeordnete: Im Rathaus hat sich mit Unterstützung der Senatskanzlei eine überkonfessionelle Initiative gebildet. Was sie verbindet: der Wille, den Menschen im Irak und in Syrien zu helfen – vor allem jetzt, wo der Winter da ist.
VON SARA SUNDERMANN
Bremen. Das gibt es so bislang noch in keinem anderen Bundesland, sagen die Initiatoren, nur in Bremen: ein breites Bündnis, bei dem viele verschiedene Religionsgemeinschaften, Vereine und Politiker sich zusammen tun, um den Opfern des Terrors in den Kriegsregionen zu helfen. Sie bitten die Bremer um Spenden, um gut erhaltene Winterkleidung für Erwachsene und Kinder, die man zu einer Lagerhalle in der Überseestadt bringen kann, und auch um Geldspenden, um davon Nahrung und Medikamente vor Ort kaufen zu können.
Am Donnerstag haben sich die Sprecher der neuen Initiative aus dem Rathaus zu Wort gemeldet. „Wir erhoffen uns eine Signalwirkung auch über Bremen hinaus: Wir gehen hier einen anderen Weg, wir wollen helfen, und zwar nicht jeder alleine, sondern zusammen“, sagt Sami Tuncel von der Ezidischen Gemeinde. „Wir wollen möglichst viele Menschen in den Kriegsgebieten unabhängig von ihrer Konfession gut durch den Winter bringen.“
„Bremen hilft“ nennt sich die Initiative verschiedener Gruppen. Dazu gehören die Ezidische Gemeinde, die Islamischen Religionsgemeinschaften Schura und DITIB, die Jüdische Gemeinde, die Bremer Evangelische Kirche, die Katholische Kirche und die Kurdische Gemeinschaft KOMKAR. Unterstützer sind auch die Bürgerschaftsabgeordneten Cindi Tuncel und Ruken Aytas, Helmut Hafner von der Senatskanzlei, die Diakonie-Katastrophenhilfe und das Kulturzentrum Lagerhaus. Ziel ist es, durch den geballten Spendenaufruf möglichst viele Menschen zu erreichen.
Die Gespräche, die zu dieser überkonfessionellen Initiative geführt haben, laufen seit Ende der Sommerferien. Am Anfang stand insbesondere ein sensibles Treffen zwischen Jesiden und Muslimen, das im Rathaus als neutralem Raum stattfand, erzählt Hafner: „Es hat sofort gefunkt zwischen Muslimen und Eziden“, sagt er – es sei ein gutes Treffen gewesen. Vertreter der Ezidischen Gemeinde waren außerdem bei der Jüdischen Gemeinde zu Gast. „Ich finde es wunderbar, dass alle Unterstützer nicht nur die Not der eigenen Angehörigen sehen, sondern die Not aller vor Ort“, sagt Elvira Noa, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. „Es sind mehr als eine Million Menschen auf der Flucht“, sagt El Schoura von der Schura Bremen. „Sie alle brauchen Hilfe.“
Nun soll ein Runder Tisch eingerichtet werden, denn es gibt noch einiges zu tun: Flyer mit dem Spendenaufruf sollen in verschiedene Sprachen übersetzt, gedruckt und in der ganzen Stadt verteilt werden. Außerdem soll gemeinsam geplant werden, wo Spenden am dringendsten gebraucht werden. Damit die Hilfe auch wirklich bei denjenigen ankommt, die sie brauchen, will die Initiative auf die geballte Erfahrung ihrer Unterstützer bauen. Die jesidische Gemeinde schickt zum Beispiel bereits Hilfsgüter in den Irak, das Diakonische Werk kann auf seine Erfahrung in der Katastrophenhilfe und auf viele Partner vor Ort zurückgreifen.
Gut erhaltene Winterkleidung und Decken können Am Holzhafen 10 abgegeben werden. Geldspenden gehen auf das Konto des „Netzwerks Zukunftsgestaltung und seelische Gesundheit“: IBAN DE06 2905 0000 2002 0270 67 BIC BRLADE22XXX.
Quelle: Weserkurier

„Plötzlich hatten wir eine Bühne“

„Kuscheltürk“ heißt das Programm, das Mussin Omurca am 29. November im Lagerhaus aufführt. Alles andere als kuschelig sind die Pointen des Kabarettisten. Im Gespräch mit Alexander Tietz erzählt er, warum er der Integrationscomedy bestenfalls vier Jahre gegeben hätte.
Herr Omurca, jeder Türke ist ein anonymer Erfinder. Ein Satz, der von Ihnen stammt. Wie darf ich ihn verstehen?
Mussin Omurca: Es ist so, dass wir Türken den Hang haben, immer zu improvisieren. Im Alltag beispielsweise nehmen wir immer die Abkürzung. Ampeln, Unterführungen und Fußgängerüberwege interessieren uns nicht. Wir übersehen sie sogar. Wir sind lieber kreativ. Wir verfügen über eine Art inneres Navigationssystem, das uns sagt, wo die Abkürzung ist.
Das ist bestimmt die humorvolle Antwort darauf. Wenn Sie es ernsthafter ausdrücken müssten…
… dann würde ich sagen, dass wir uns kaum an Pläne und Vorgaben halten. Wir Türken sind Pragmatiker. Der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan beispielsweise, der in Cannes die goldene Palme gewonnen hat, kann nicht sagen, wie seine Filme entstehen. Er dreht irgendeine Szene, dann wartet er auf die Eingebung. Irgendwann kommt ein Film zustande, dann schreibt er das Drehbuch. Er beginnt quasi am Ende. So ist es häufig bei Türken: erst den Vertrag unterschreiben, dann den Inhalt lesen. Erst heiraten, dann einander kennenlernen.
Ich habe geahnt, dass Sie während unseres Gesprächs provozieren würden. Genauso provokant ist auch ihr Programm.
Aber natürlich. Das gehört zu meinem Beruf. Ich habe viele Freunde verloren, weil sie manche meiner Witze nicht verstehen.
Vielleicht verstehen Ihre Freunde auch einige Ihrer Karikaturen nicht, die Sie in ihr Programm einbauen. Da ist zum Beispiel eine Zeichnung von Ihnen, ein Türke, der in ein Promille-Messgerät bläst. Neben ihm ein Polizist, der sagt: Gleich sehen wir, wie viel Promille du dich integriert hast.
Man muss nicht immer lachen. Und man muss auch nicht immer alles verstehen. Pointen haben mehrere Ebenen. Hinzukommt, dass jede Pointe bei jedem Zuschauer anders ankommt. Aber das ist gewollt. Die Menschen sollen nicht alles erklärt bekommen. Sie sollen nachdenken und zu einem eigenen Schluss kommen.
Sie stehen seit etwa 30 Jahren auf der Bühne. Ihr Schwerpunkt ist Integration. Hätten Sie gedacht, dass dieses Thema zum Dauerbrenner wird?

Ich dachte damals, ich könnte mit Integration vielleicht drei bis vier Jahre auf der Bühne stehen. Ich dachte, dann ist das Thema gegessen. Heute wundere ich mich dermaßen, dass es immer noch aktuell ist – mehr denn je.
Integration ist ein gesellschaftlich brisantes Thema. Sehen Sie sich „nur“ als Kabarettist oder als jemand, der mit seinem Programm Einfluss nehmen will?
Ich bin nicht die katholische Kirche. Ich kann Menschen höchstens zusammenbringen und dazu einladen, meine Show anzugucken. Wir lachen gemeinsam – über andere und über uns. Das ist mein Ziel, mehr kann ich nicht erreichen. Integration ist eine Art Gaga-Thema, bei dem die deutsche Gesellschaft, die eigentlich unheimlich planvoll agiert, teilweise scheitert. Andererseits bin ich dankbar, dass die Zustände so chaotisch sind.
Inwiefern?
An diesen Problemen verdiene ich immerhin mein Geld (lacht). So einfach ist das. Aber eigentlich nehme ich mir jedes Mal vor, nicht schon wieder ein Programm über Integration zu schreiben. Dann allerdings kommen die Veranstalter zu mir und sagen: Wenn du keine Texte über Integration anbietest, warten wir erst mal ab. In gewisser Hinsicht ist dieses Thema gewünscht. Jedes Jahr.
Damit sind Sie erfolgreich. Sie sind auch einer der ersten Comedians in Deutschland, der eine deutsch-türkische Kabarettbühne, das Knobi-Bonbon in Ulm, gegründet hat.
Es ist 1985 entstanden mit meinem Kollegen Sinasi Dikmen. Die Migranten machten damals, in den 80er-Jahren, kein Kabarett in der Öffentlichkeit. Sie äußerten sich kaum politisch. Ich arbeitete damals als Karikaturist bei der Süddeutschen Zeitung. Mein Kollege arbeitete im Krankenhaus als Krankenpfleger. Er schrieb nebenbei satirische Stücke. Jeden Abend diskutierten wir über Politik. Wir lachten. Dann haben wir uns gefragt: Warum gehen wir damit nicht auf die Bühne?
Sie sind auf die Bühne gegangen. Was folgte dann?
Es gab riesengroßes Interesse. Auch der Kabarettist Dieter Hildebrandt ist zur Premiere ins Knobi gekommen. Danach gingen wir mit Hildebrandt auf Tournee. Wir waren unter anderem bei der ARD, beim „Scheibenwischer“, ein paar Mal. So kam alles ins Rollen.
Warum hatte diese Art von Kabarett Erfolg?
Zum ersten Mal gingen Migranten, insbesondere Türken, auf die Bühne. Das war unerwartet, aber auch überfällig. Plötzlich hatten wir eine Bühne für unsere Belange, für unsere Themen.
Warum hat sich das „Knobi“ 1997 aufgelöst?
Sinasi Dikmen und ich waren zwölf Jahre zusammen auf der Bühne. Das war wie eine Ehe.
Es soll ja Ehen geben, die länger halten.
Naja, auch richtig. Aber wir hatten so viele Auftritte. Und wir reisten mit einem kleinen VW-Bus herum. Wir verbrachten mehr Zeit miteinander als mit unseren Familien.
Herr Omurca, wir können das Gespräch unmöglich beenden, ohne über Ihren Kollegen Kaya Yanar zu sprechen. Er ist Comedy-Star, wenn man so will, in der Sparte Integration. Ist sein Erfolg gerechtfertigt?

Im Lagerhaus habe ich schon gute Erfahrungen gemacht. Dieser Raum ist klein, prädestiniert für Kabarett. Ich könnte niemals vor 3000 Leuten spielen. Die wären zu weit weg. Ich möchte sie hören – und ich möchte mit ihnen ins Gespräch kommen.
Zur Person: Der deutsch-türkische Kabarettist und Cartoonist Mussin Omurca ist 1959 in Bursa geboren. Sein erstes Solo „Tagebuch eines Skinheads in Istanbul“ hat 1998 den Deutschen Kabarett-Sonderpreis erhalten. Das Solo „Kuscheltürk“ steht am Sonnabend, 29. November, um 20 Uhr im Kulturzentrum Lagerhaus, Schildstraße 12-19, auf dem Programm der Migrantinnentage gegen Ausgrenzung. Die Karten kosten zwölf, ermäßigt zehn Euro. Näheres unter 70 1000-20 und -21 im Migrationsbüro des Lagerhauses.

Quelle: Weserkurier

In Bremen zu Hause

Die „MigrantInnentage gegen Ausgrenzung“ beginnen diese Woche. Vom 14. November bis zum 11. Dezember läuft das Programm an unterschiedlichen Orten. Die chilenische Sängerin Yuly Allende wird im Lagerhaus Schildstraße auftreten. Die 42-Jährige lebt seit 16 Jahren in Bremen. Noch immer wartet sie darauf, in Deutschland endgültig Fuß zu fassen.
VON ALEXANDER TIETZ 09.11.14
Ostertor·Altstadt. Es scheint, als habe Yuly Allende ihren Platz gefunden. Im Proberaum der Musiker Initiative Bremen (MIB) am Buntentorsteinweg sitzt die Sängerin entspannt zwischen Klavier und Schlagzeug. Die Bühne ist einer ihrer liebsten Orte. Aber auch sonst hat sie das Gefühl, angekommen zu sein, in der Musikszene, in ihrer Wohnung in Arbergen und in der Stadt überhaupt.
Es „war die richtige Entscheidung“, 1998 nach Bremen zu kommen, sagt die heute 42-Jährige. Sie gehört zu denen, die den „MigrantInnentagen gegen Ausgrenzung“ des Kulturzentrums Lagerhaus ein Gesicht geben. Unter dem Motto „Wir sind hier“ werden Künstlerinnen und Künstler, Musikerinnen und Musiker, Kabarettisten, Schriftsteller, Ärzte und Satiriker mit Migrationshintergrund ab Freitag, 14. November, bis Sonntag, 11. Dezember, in unterschiedlichen Einrichtungen auftreten. Yuly Allende wird mit ihrer Salsa-Band „Casino“ im Lagerhaus Schildstraße spielen.
Alltag voller Herausforderungen
Geboren ist Yuly Allende in der chilenischen Stadt San Fernando. Sie ist mit ihrem damaligen Mann nach Deutschland gekommen, weil er in der Bundesrepublik Arbeit gefunden hatte. Ihr Leben in Bremen, so erzählt sie, sei gut, aber auch voller Herausforderungen. Die kulturellen Unterschiede und die deutsche Sprache bereiten ihr nach wie vor leichte Probleme.
Trotz eines guten chilenischen Universitätsabschlusses als Grafik-Designerin ist Yuly Allende arbeitslos, die Musik ist ihr Hobby. Sie findet weder eine Anstellung in ihrem Beruf noch als Aushilfe noch auf Basis eines 450-Euro-Jobs. Bis vor wenigen Jahren war sie Hausfrau und kümmerte sich daheim um ihren Sohn. Seit 2013 ist sie geschieden, seit 2011 sucht sie Arbeit.
Woran es liegt, dass sie keine Anstellung findet, obwohl sie pro Monat acht oder mehr Bewerbungen schreibt? „Es ist schwer zu sagen.“ Yuly Allende glaubt nicht daran, dass es nur an der Sprache liegt. Wenn man ihr zuhört, schlägt der Akzent deutlich durch, aber es scheint nichts zu geben, das sie nicht auf Deutsch ausdrücken könnte. „Ich glaube“, sagt sie, „ich habe einfach noch nicht den richtigen Job gefunden.“
Yuly Allende beklagt sich nicht. Im Gegenteil. Sie glaubt, „dass alles, was du erreichst, und alles, was du nicht erreichst, an dir selbst liegt“. Und sie fühlt sich in der Bremer Musikszene zu Hause. Seit drei Jahren singt sie in der Salsa-Band „Casino“, die sich regelmäßig in den Proberäumen der Musiker-Initiative in der Neustadt und in der Kulturwerkstatt Westend in Walle trifft. Außerdem gehört sie zum Salsa-Ensemble „Zona Franca“, mit dem sie bei der Breminale und in der Casa Cultural in der Bahnhofsvorstadt aufgetreten ist.
Auf die Frage, wann sie mit dem Singen begonnen hat, gibt Yuly Allende keine Jahreszahl zur Antwort. Sie bedient sich einer Geste, hebt ihren rechten Arm, die rechte Handfläche befindet sich in Hüfthöhe. Dann schaut sie auf ihre rechte Hand und sagt: „Ich war ungefähr so groß, als ich damit anfing.“ Sie singe, seit sie denken könne. Früher, in Chile, sei sie auf Familienfesten, auf Hochzeiten und bei Schulfeiern aufgetreten.
Als sie ihre Heimat 1998 verließ, hatte Yuly Allende eigentlich nicht vor, in Deutschland zu bleiben. „Selbstverständlich wollte ich schauen, wie es sich auf Dauer mit meinem damaligen Mann in Bremen lebt.“ Immer aber schwirrte ihr die Möglichkeit im Kopf herum, eines Tages nach Chile zurückzukehren. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen habe sie keine Sehnsucht nach Lateinamerika verspürt.
„Mir fehlt die Heimat schon“, sagt die Wahlbremerin. Aber etwas davon hat sie nach Deutschland mitgenommen. Es ist die lateinamerikanische Musik, die ihr erhalten bleibt. Ihr Spezialgebiet ist die Ballade. Bei ihrem Engagement in den Salsa-Gruppen „Casino“ und „Zona Franca“ muss diese Vorliebe jedoch in den Hintergrund treten. „Die Umstellung auf beschwingte Salsa-Musik war nicht einfach“, sagt Allende. Aber egal, was sie singt: „Mein Ziel ist es, die Menschen zu inspirieren.“ Genau das will sie bei ihrem Konzert am Sonnabend, 22. November, um 20 Uhr im Lagerhaus Schildstraße tun. Es ist einer der wenigen Auftritte der Arbergerin, die pro Jahr ein bis zwei Konzerte gibt. Das Lampenfieber sei groß, sagt sie. Die Aufregung dürfte sich noch steigern, wenn man bedenkt, dass sie im großen Ensemble der Band „Zona Franca“ mit zehn Musikern eher untertauchen kann als mit „Casino“. Wenn der erste Song jedoch gespielt werde, sagt Yuly Allende, verfliege die Nervosität – und es gewinnt die lateinamerikanische Lebensfreude.
Die „MigrantInnentage gegen Ausgrenzung“
beginnen mit dem Abend „Der letzte Ort“mit Sherko Fatah am Freitag, 14. November, um 19 Uhr im Europapunkt Bremen, Am Markt 20. Yuly Allende kommt mit ihrer Band am Sonnabend, 22. November, um 20 Uhr ins Kulturzentrum Lagerhaus, Schildstraße 12-19. Das gesamte Programm der „MigrantInnentage“ ist unter www.migration-bremen.de/termine-2014 zu finden. Näheres unter Telefon 701 00 0-20 und -21.
Quelle: WeserKurier

Theater „Tiyatrom“ wirbt in fünf Grundschulen für Verständnis und Toleranz
Gemeinsam geht alles besser

Hasan Gökkaya 06.11.2014

Um die Toleranz und den Respekt unter Grundschülern zu fördern, hat der Bereich Migration des Vereins Kulturzentrum Lagerhaus die 17. Interkulturelle Kindertheaterwoche organisiert. Fünf Schauspieler aus dem Berliner Theater „Tiyatrom“ haben dafür an fünf Tagen das Stück „Die Grille und die Ameise“ aufgeführt. Unter anderem in der Grundschule Andernacher Straße.

 Das böse Zusammenspiel zwischen der Spinne und der Grille hat gereicht, um die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Andernacher Straße zu provozieren. „Nein!“ und „Ja!“ riefen die Erst- bis Viertklässler lautstark, während das Ensemble aus Berlin das Theaterstück aufführte.

Lange haben die Kinder nicht gebraucht, um in dem Stück „Die Grille und die Ameise“ Gut von Böse zu unterscheiden. Dementsprechend laut wurde das Publikum, wenn die Spinne zu sehen war, die sich gerne auf die faule Haut legt und die Arbeit lieber anderen überlässt. Der Grille gefällt dies, so versuchen Spinne und Grille gemeinsam die Ameise, die Raupe und den Tausendfüßler auszunutzen. Ein tückischer Plan, der in guter Kindergeschichten-Manier am Ende natürlich nicht aufgeht.

„Die jungen Schüler können viel daraus lernen, zum Beispiel Egoismus aufzugeben und zu verstehen, dass man als Gruppe einfach viel mehr gewinnen kann als in stiller Einsamkeit“, sagte Joey Bozat. Der 42-jährige Darsteller, in diesem Fall der Spinne, führt als freiberuflicher Schauspieler für gewöhnlich das Stück gemeinsam mit Enver Coskun, Hande Kocoglu, Baris Simsek und Canan Ekci im Berliner Theater „Tiyatrom“ auf. Für die 17. Interkulturelle Kindertheaterwoche in Bremen kam das Ensemble aber aus Berlin, um an fünf Tagen in fünf Bremer Grundschulen das Stück für die Schülerinnen und Schüler aufzuführen.

Initiiert wurde die interkulturelle Kindertheaterwoche vom Bereich Migration des Vereins Kulturzentrum Lagerhaus im Steintor. Zu den Veranstaltern zählen auch das Referat für Integrationspolitik bei der Senatskanzlei und die Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen.

Mit dem diesjährigen Stück „Die Grille und die Ameise“ sollen Kinder im Vor- und Grundschulalter in den Genuss eines Theaterstücks kommen und zugleich den toleranten und respektvollen Umgang miteinander lernen. Das Migrationsbüro des Kulturzentrums Lagerhaus habe bei der Auswahl der Grundschulen besonders darauf geachtet, dass das Theaterstück in Schulen in sozial benachteiligten Stadtteilen vorgeführt werde. Einzige Ausnahme war eine Aufführung in der Grundschule an der Stader Straße.

„Die Preise passen wir an die Verhältnisse an, in Tenever kostet der Eintritt für jedes Kind zum Beispiel einen Euro oder 50 Cent“, sagte Recai Aytas. Der 49-jährige Migrationsreferent aus Hastedt musste bei der Auswahl der Künstler nicht lange überlegen, denn bis auf zwei Ausnahmen in 17 Jahren kooperiert das Kulturzentrum Lagerhaus jährlich mit dem Berliner Theater Tiyatrom.

Das 1984 in Berlin Kreuzberg gegründete Theater fiel vor drei Jahrzenten vor allem durch Schauspieler auf, die ihre Stücke auf Türkisch spielten. „Seit 2008 gibt es aber nur noch wenige rein türkische Stücke“, sagte Joey Bozat. Er hat das erste Mal mit 15 Jahren Theater gespielt und darin mittlerweile seine Berufung gefunden.

Eher ein ernstes Hobby ist die Schauspielerei für seine vier Kolleginnen und Kollegen. Enver Coskun spielt seit neun Jahren Theater in seiner Freizeit, inzwischen absolviert er dazu parallel ein Studium. Außerhalb der Berliner Theaterräume das 50-minütige Stück zu spielen ist für den 21-jährigen aber noch fremdes Terrain: „Die zweite Aufführung war schon recht anstrengend, da die Kinder manchmal so laut waren, dass ich mich selbst nicht hören konnte“, sagte Coskun.

Ein schneller Trick, um die Kinder zu beruhigen sei, die Schülerinnen und Schüler in das Stück einzubeziehen. So zum Beispiel: „Jetzt aber gut aufgepasst Kinder, denn jetzt kommt ein ganz großes Geheimnis“, führte der in Berlin Kreuzberg lebende Darsteller vor. Auch die 25-jährige Hande Kocoglu studiert und spielt nebenbei Theater, sie will Grundschullehrerin werden. „Das macht mir auch nach zehn Jahren noch so viel Spaß, dass ich in jedem Fall damit weiter machen werde“, sagte die Berlinerin.

Schulleiterin Isolde Mörk freute sich sehr über die Aufführung in der Andernacher Straße. Die Botschaft der interkulturellen Kinderwoche in Verbindung mit dem Theaterstück sei bei den jungen Schülerinnen und Schülern gut angekommen, versicherte die 55-Jährige Lilienthalerin. „Einer meiner Schüler sagte mir nach der Aufführung, ‚das ist ja wie bei uns, auch wir kriegen immer eine zweite Chance’.“ Wie im Theaterstück, denn auch die Spinne und die Grille haben eine zweite Chance bekommen.

Quelle: Weser-Kurier

Ausgedachte Landschaften von Nina Heinrich

Ostertor. Leuchtend farbige Fotografien, die an Malerei erinnern stellt die Kolumbianerin Yadira Polo in der Galerie „La Migration“ im Lagerhaus Schildstraße aus. Das Interesse am Handwerklichen begleitet sie bereits ihr ganzes Leben: „Schon als Kind habe ich gerne gemalt und gezeichnet“, erzählt die Künstlerin, die in Bucaramanga, einer Millionenstadt nordöstlich von Bogotá, lebt. Im Lagerhaus ist nun ihre erste Ausstellung in Deutschland zu sehen.
Der aus Peru stammende und im Steintor lebende Künstler Reynaldo K’akachi ist über ein Künstlernetzwerk auf Yadira Polo aufmerksam geworden. Für die Ausstellung „Morphologie der Utopie“ hat sie Fotografien aus zwei Serien ausgewählt: In „Luftwurzeln“ beschäftigt sich Polo mit der Zerbrechlichkeit des Menschen und seiner Verwurzelung im Zuhause.
Die zweite Serie heißt „Landschaften, unausrottbar“ – ein Titel, der für K’akachi und Eusevia Torrico Jimenéz vom Büro für Migration im Lagerhaus schwer zu übersetzen war. Yadira Polo hat Alltagsmomente mit der Kamera festgehalten und die Bilder digital bearbeitet und zusammengefügt. Kombiniert mit den ursprünglichen Fotografien sind so „ausgedachte Landschaften“ entstanden, wie sie das Ergebnis nennt. Auf einigen Bildern sind Menschen zu sehen, die „für die Menschen allgemein stehen“, sagt die Künstlerin. „Das kann jeder sein.“ Viele Bilder spielen mit der Wahrnehmung der Betrachter: So ist auf einer Arbeit ein entwurzelter Baum zu sehen. Seine Äste zeigen nach unten, ein knallrosafarbenes Haus hängt darin.
Überhaupt arbeitet Polo, die an der Universidad de Santander in ihrer Heimatstadt Kunst studiert hat, häufig mit leuchtenden Farben. Auf einer gelben, verschlungen wirkenden Treppe läuft ein Mann vor lilafarbenem Hintergrund nach oben – man fragt sich allerdings, wo ihn diese Stufen wohl hinführen. Einige der Arbeiten sind erst in diesem Jahr entstanden und waren noch gar nicht in Kolumbien zu sehen. Nach der Ausstellung in Bremen werden Arbeiten von Yadira Polo, der man ihre 60 Jahre nicht ansieht, in Washington präsentiert. Auch das nächste größere Ausstellungsprojekt führt sie dann in die USA: Im Januar 2015 ist sie mit 17 anderen Künstlern an einer Ausstellung am Flughafen von Atlanta beteiligt. Als Erinnerung an Bremen nimmt sie die Geschichte der Stadtmusikanten auf Spanisch mit – Deutschland hat sie aber wohl nicht zum letzten Mal besucht: „Zwei meiner drei Kinder leben in München – und hoffentlich komme ich auch mal wieder nach Bremen.“
Die Ausstellung ist in der Galerie „La Migration“ (Kulturzentrum Lagerhaus, 3. Stock)in der Schildstraße 12-19 von Montag bis Donnerstag zwischen 10 und 14 Uhr zu sehen. Weitere Termine können mit Reynaldo K’akachi unter Telefon 0176/52 13 39 86 vereinbart werden.

Quelle: WeserKurier 10.07.2014
 

Quelle: Die Norddeutschezeitung 13.03.2014

Mahmood Falaki über das Leben zwischen den Kulturen

 

„Ich passte nicht mehr in die Welt rein“


Der Schriftsteller hat das Buch „Ich bin Ausländer und das ist auch gut so“ geschrieben. Nach 30 Jahren in Deutschland ist ihm aber auch seine alte Heimat Iran fremd geworden.Der Schriftsteller hat das Buch „Ich bin Ausländer und das ist auch gut so“ geschrieben. Nach 30 Jahren in Deutschland ist ihm aber auch seine alte Heimat Iran fremd geworden.

 

Muss mitunter starkes Gestikulieren über sich ergehen lassen: der Hamburger Schriftsteller Mahmood Falaki.  Bild: Miguel Ferraz

taz: Herr Falaki, Ihr neuestes Buch heißt: „Ich bin Ausländer und das ist auch gut so“. Wie meinen Sie das?
Mahmood Falaki: Einerseits meine ich damit gegenseitige Befruchtung. Ausländer und Deutsche können voneinander lernen. Andererseits bin ich ein Literat im Exil. Aber auch aus einer schwierigen Situation kann man seinen Vorteil ziehen, wie ich aus meinem Exil.

Fühlen Sie sich nach 30 Jahren noch fremd in Deutschland?
Ich bin nicht gedanklich fremd. Ich denke wie viele Europäer und habe Gleichgesinnte hier. Ich fühle mich mehr als ein Europäer. Aber ich sehe anders aus und das merke ich manchmal daran, wie mich Menschen ansehen oder sich verhalten. Das hat mich früher sehr gestört, weil ich empfindlicher war. Als ich noch nicht gut Deutsch sprach und Menschen irgendwo lachten, dann fühlte ich mich oft ausgelacht. Obwohl ich nicht gemeint war. Ganz selten kommt die Empfindsamkeit noch zurück.
Wie fühlen Sie sich wahrgenommen in Deutschland?
Ab und zu merke ich, dass man nicht richtig von den Deutschen angenommen wird oder sie unterschätzen einen. Ich gehe seit 17 Jahren zu dem gleichen Arzt. Die Sprechstundenhilfe kennt mich seitdem. Aber immer, wenn sie mit mir spricht, gestikuliert sie ganz automatisch. Wenn ich anrufen soll, dann zeigt sie auf das Telefon. Sie will mich nicht beleidigen, aber die Gesten sind übertrieben. Sie denkt sich wohl, der Mann ist Ausländer und versteht mich nicht. Vielleicht hat sie ja Erfahrungen gemacht mit Menschen, die sie nicht verstanden haben und deswegen gestikuliert sie.
Machen Sie solche Erfahrungen öfter?
Auch andere Menschen reden manchmal wie mit einem Kind mit mir. Es ist so ein klischeehafter Gedanke zu denken, jeder Ausländer versteht kein Deutsch. So was bleibt zurück. In letzter Zeit erlebe ich viel Positives. Meine Tochter ist hier aufgewachsen und hat fast nur deutsche Freunde. Die junge Generation hat keine Probleme miteinander, weil sie miteinander aufgewachsen sind. Jetzt ist es ein bisschen multikultureller und bunter geworden. Die jungen Leute reden ganz normal mit mir.
Sie schreiben mal auf Deutsch, mal auf Persisch. Wie entscheiden Sie, in welcher Sprache Sie schreiben?
Ich habe schon lange nicht mehr auf Persisch geschrieben, aber vor zwei Wochen hatte ich auf einmal ein persisches Gedicht geschrieben. Da denke ich nicht drüber nach, warum ich in welcher Sprache schreibe. Die Themen, mit denen ich mich in letzter Zeit beschäftige, passieren in Hamburg und dann schreibe ich automatisch auf Deutsch. Auf Deutsch schreibe ich offener, direkter und realistischer. Manche deutschen Wörter wie zum Beispiel Wahrnehmung kann man nicht auf Persisch übersetzen.
Warum sind einige Ihrer Werke im Iran verboten?
Zum einen aus politischen Gründen, aber manche Werke sind zu erotisch. Meine Literaturkritiken sind erlaubt. Die werden sogar an der Uni benutzt. Mein Verleger hat mir gesagt, es ist unmöglich, mein Buch „Carolas Tod“ im Iran zu veröffentlichen, solange die Mullahs an der Macht sind. Sie haben was gegen erotische Literatur. Unter dem Schah gab es auch Zensur, aber es gibt einen Unterschied. Damals durften erotische Szenen bleiben, aber keine politischen oder ideologischen. Heute ist es ideologischer, das ist noch schwieriger. Körperteile darf man nicht beschreiben, Religion auch nicht.
Macht es Sie traurig, dass diese Werke verboten sind?
Es hat immer einen Vorteil, wenn ein Buch verboten ist. Das interessiert dann plötzlich viele Leute. Manche schmuggeln meine Bücher in den Iran. Als in einer Zeitung mein Buch als verboten auftauchte, war es schlagartig bekannt. Daraufhin wurde ich sofort interviewt.
Warum mussten Sie in der Schah-Zeit ins Gefängnis?
Ich war aktiv an studentischen Bewegungen beteiligt. Ich habe Flugblätter und politische Gedichte geschrieben und war im Untergrund aktiv. Wir haben versucht, die Bevölkerung wachzurütteln. Deswegen wurde ich mit 23 Jahren verhaftet und musste drei Jahre ins Gefängnis. Ich wurde einige Monate vor der Revolution entlassen. Die Situation war anders, locker. Das Regime hat zu der Zeit viele Gefangene entlassen, um in der Bevölkerung Sympathien zu gewinnen.
Wie haben Sie die Revolution erlebt?
Ich hatte große Hoffnung auf die Revolution und habe begeistert teilgenommen. Wir dachten, egal wer kommt, er wird besser sein als der Schah. Das war ein großer Fehler. Unter dem Schah gab es keine politische Freiheit, aber man hatte seine persönliche Freiheit. Nach der Revolution haben wir in den ersten Jahren Freiheit und Demokratie erlebt. Aber die Mullahs haben langsam die oppositionellen Kräfte verhaftet und hingerichtet. Die Parteien verboten. Und um mich herum wurden meine Genossen auch verhaftet. Ich wusste, ich bin auch bald dran.
Was haben Sie dann gemacht?
Wegen meiner politisch-literarischen Aktivitäten musste ich in den Untergrund abtauchen. Später bin ich dann mit meiner Frau geflohen, mit Schmugglern über die Türkei, zu Fuß und zu Pferd. Das war gefährlich. Man war nie sicher. Deswegen haben wir unsere kleine Tochter im Iran zurückgelassen. Meine Tochter blieb für zwei Jahre bei ihrer Großmutter und wurde uns dann nach Deutschland gebracht.
Warum sind Sie nach Deutschland geflohen?
Ich wollte eigentlich nach Frankreich. Ich habe die französische Literatur geliebt, kannte die Schriftsteller und die Kultur. Das war mein Lieblingsland. Als wir in der Türkei waren, haben die Schlepper uns gesagt, dass die einzige Möglichkeit, nach Europa zu gehen, durch die DDR sei. Wir wollten dann eigentlich weiter nach Frankreich, sind dann aber in Deutschland geblieben. Zum Glück! Ich war einige Male in Frankreich und bin froh, dass wir hier geblieben sind.
Wie war der Anfang in Deutschland?
Ich musste erst mal vieles verdauen. Das war aber kein Kulturschock. Wir haben im Iran Jahrhunderte lang für Demokratie und Freiheit gekämpft. Und plötzlich von heute auf morgen hatte ich alles. Theoretisch wusste ich, wie das funktioniert. Aber wenn man das erlebt, brauchte ich ein wenig, um moderne Demokratie besser zu verstehen. Im Iran war noch keine Demokratie möglich, die Menschen waren noch nicht soweit. Mann kann nicht auf Knopfdruck Demokratie schaffen.
Wann waren Sie zuletzt im Iran?
Als Khatami an der Macht war. Er versuchte, die Gesellschaft zu reformieren und wollte Iraner im Exil zurückgewinnen. Nur Mörder durften nicht zurückkommen. Sie haben mir persönlich garantiert, dass ich zurückkommen kann ohne Strafe. Da war ich nach 20 Jahren einmal im Iran. Seit Ahmadinedschad war ich nicht mehr da.
Wie war es, zurück zu sein?
Ich fühlte mich fremd, nicht nur, weil ich so lange nicht da gewesen war. Sondern auch, weil die Menschen mir so fremd waren. Ich passte nicht mehr in die Welt rein, weil sie und ich uns geändert hatten. Ich war enttäuscht, vielleicht weil das Bild, das ich von der Gesellschaft hatte, anders war. Im Laufe der Zeit malt man sich vieles aus. Die Menschen waren anders. Viele waren religiöser als vorher, aber nicht die Jugendlichen. Sie versuchten modern zu sein. Mich hat enttäuscht, wie meine Kollegen, die Schriftsteller, sich entwickelt haben. Wir sprechen zwar alle persisch, aber verstehen uns nicht. Nicht im kulturellen Bereich, sondern von den Gedanken her.
Ist Ihre Familie noch im Iran?
Meine Geschwister sind alle im Iran. Ich bin der Einzige, der hier ist. Es war schwieriger als ich jünger war, getrennt von meiner Familie zu sein. Aber in den letzten Jahren war es nicht mehr so wichtig. Wir telefonieren. Sie kamen mich hier besuchen.
Verfolgen Sie, was im Iran passiert?
Ja. Ich verfolge, was meine Kollegen machen, aber nicht so intensiv wie früher. Ich beschäftige mich mehr mit deutscher Literatur. Ich lese fast nur auf Deutsch. Mir ist wichtiger, was in Deutschland und Europa passiert.


■ „Ich bin Ausländer und das ist auch gut so“, Sujet Verlag Bremen, 156 S., 11,80 Euro
■ Lesung mit Mahmood Falaki: Fr, 28. 2., 19.30 Uhr, Kulturzentrum Lagerhaus, Bremen


Quelle:TAZ / 21.02.2014

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