Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich Migration
Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich Migration

PRESSE 2019

Wirklich von hier 
„Migrantinnentage gegen Ausgrenzung“ mit Programm bis Dezember beginnen Sonntag

von HELKE DIERS

Bremen. „Wo kommst du her?“. „Aus Bremen?“. „Nein, ich meine, wo kommst du wirklich her?“. Diesen Dialog dürften viele Bremer bereits geführt haben, wenn sie von Anderen als nicht-deutsch wahrgenommen werden. Die jährlich stattfindenden Migrantinnentage des Lagerhauses haben in diesem Jahr dazu passend den Schwerpunkt „Ich bin von hier“. Von Mitte November bis Ende Dezember gibt es dazu elf Veranstaltungen, Konzerte und Lesungen.
Die „Migrant*innentage gegen Ausgrenzung“ finden zum 21. Mal statt. Recai Aytas leitet den Migrationsbereich im Lagerhaus und ist von Anfang an dabei. Er erzählt zu den ersten Jahren des kleinen Festivals. „Es soll einen Dialog zwischen den Deutschen und den Migranten schaffen“, sagt Aytas. „Das war in den ersten Jahren nicht so einfach. Da kamen mehr als 70 Prozent Migranten. Das hat sich inzwischen verändert. Die meisten sind Deutsche. Die zeigen auch Interesse.“
Der Schwerpunkt in diesem Jahr leitet sich aus dem Titel eines neuen Buches der Publizistin Ferda Ataman ab. „Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!“ lautet der Titel. Ataman beschreibt, wie sie als Kind immer wieder erklären sollte, wo sie herkommt, und wie die Fragesteller erst zufrieden waren, als sie „Türkei“ antwortete. Ataman ist in Deutschland geboren und in Nürnberg aufgewachsen. Sie wurde für ihre Deutschkenntnisse gelobt und von anderen „automatisch migrantisiert.“ Zu Anfang ihres Buches heißt es: „Ich habe aber keine Lust, mein ganzes Leben lang zu erklären, wo meine Gene herkommen, wie ich zum türkischen Präsidenten stehe oder was ich vom Kopftuch halte.“ Ferda Ataman wird am Freitag, 29. November, um 19 Uhr im Focke-Museum ihr Buch vorstellen. Der Eintritt kostet vier Euro.
Ein Jahr Vorbereitung
Ähnliche Erfahrungen wie Ataman hat Recai Aytas gemacht. „Auch bei der dritten und vierten Generation wird immer gefragt: `Woher kommst du?´“ Obwohl diese Generation schon längst hier sei. „Ich kenne das von meinen Kindern. Die sind hier geboren und aufgewachsen und studieren jetzt.“ Zu deren vermeintlicher oder unterstellter Kenntnis der türkischen Politik sagt er, dass die Kinder das auch nur in den deutschen Medien verfolgten. Als weiteres Beispiel führt er die Wahl des Oberbürgermeisters Belit Onay in Hannover vor wenigen Tagen an. „In der Presse heißt es immer wieder, er komme aus der Türkei. Er ist in Goslar geboren und ist Deutscher. Das wird ständig thematisiert.“
Die Migrant*innentage werden von Recai Aytas und seinem Team ein ganzes Jahr lang vorbereitet. Trotz einem knappen Budget ist das „Interesse riesig“, so Aytas. „Wir haben insgesamt weniger als 10 000 Euro für die ganzen Tage zur Verfügung. Wenn man viele Kooperationspartner hat, wird es günstiger. Wegen der Räume und so weiter.“ Die Migrant*innentage werden unterstützt von der Senatorin für Soziales und Integration, dem Bremer Rat für Integration und dem Focke-Museum. Aytas erwartet vor dem Hintergrund der letzten 20 Jahre für dieses Mal circa 5000 bis 7000 Besucher. Diese dürfen sich auf ein vielfältiges Programm freuen.
Die Eröffnung findet am Sonntag, 24. November, um 19 Uhr im Lagerhaus statt. Osman Engin liest laut Programm „nigelnagelneue Geschichten, die noch nie jemand gehört oder gelesen hat. Nicht mal Osman Engin selbst.“ Der Eintritt kostet fünf Euro.
Es folgen in den kommenden Wochen Konzerte, ein Film, Infoabende, eine Ausstellung und ein Improvisationstheaterstück. Dabei kämpfen die Schauspieler auf der Bühne um einen Pokal: Den Preis für den bestintegriertesten Migranten in Bremen. Für die Gruppe mit dem Namen Fatma-Express reisen Schauspieler aus Berlin, Hamburg und Kiel an. Zusammen mit den Bremer Jugendlichen von The Next Generation wollen sie unter dem Titel „Clash of Culture“ das Publikum für sich gewinnen. Saher Khanaqa-Kükelhahn ist dabei. „Wir haben den Humor aus dem Improtheater auf interkulturelle Weise umgedeutet“, sagt sie. Das Publikum und die Jury können den Schauspielern Aufgaben geben, die dann auf manchmal satirische Art und Weise umgesetzt werden. Das Improtheater findet am Freitag, 6. Dezember, um 19.30 Uhr im Lagerhaus statt. Der Eintritt kostet zehn, ermäßigt fünf Euro.
Besuch aus dem Europaparlament gibt es am Donnerstag, 12. Dezember, um 18 Uhr im Europapunkt Bremen. Birgit Sippel wird zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Europa sprechen. Diese Veranstaltung ist kostenlos.
Einlass bei allen Veranstaltungen ist jeweils eine halbe Stunde vorher. Das vollständige Programm mit ausführlichen Beschreibungen finden Interessierte im Internet auf www.migration-bremen.de.

Quelle: Stadtteil Kurier v. 19.11.19

Von Bienen und Marienkäfern

Interkulturelles Theaterstück im Lagerhaus kommt bei jungen Zuschauern gut an
MAGALI TRAUTMANN
Bremen. Gitarre spielend betritt der Marienkäfer die Bühne. Der verkleidete Mann singt: „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ein kleiner Marienkäfer. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ein kleiner – „Marienkäfer!“, ergänzen die Kinder. Die bekannte Melodie dringt bis in die hintersten Reihen der Aula vor und bald brüllen rund hundert Kinder der Grundschule Mahndorf im Chor: „Marienkäfer!“ Bis eben der seine Gitarre beiseite legt. Dabei fallen ihm seine Wackelfühler ab. Die Kinder lachen. Der Käfer nimmt den Gag zum Anlass, die Kinder aufzuklären: „Das liegt an den Giften, die die Menschen auf die Felder sprühen! Davon fallen meine Fühler ab.“

Das 22. interkulturelle Theaterstück vom Kulturzentrum Lagerhaus behandelt in diesem Jahr ein umweltkritisches Thema. „Das war unser Vorschlag“, sagt Recai Aytas, „die Theatergruppe hat dazu das Stück erarbeitet.“ Die Kinder sollen für das Thema Umwelt sensibilisiert werden, erklärt der Migrationsreferent. „Letztes Jahr hatten wir das Thema auch schon. Da ging es aber um Plastikmüll.“ Seit 21 Jahren komme ein Ensemble des Tiyatrom aus Berlin für die Theaterwoche nach Bremen. „Eine türkische Theatergruppe, die Stücke für Kinder macht, ist einmalig in Deutschland“, freut sich Aytas, „das Tiyatrom ist die türkische Shakespeare Company.“

Wasser für das Gänseblümchen
Auf der Bühne hat sich eine Schmetterlingsfrau zum Marienkäfer gesellt: „Wir dürfen nicht auf die andere Seite der Hügel fliegen!“ erklärt sie und zeigt durch den Saal. Alle Kinder blicken sich um. „Dort wurde Gift gesprüht! Dort, wo die Biene Mario wohnt!“ Die Kinder lachen wieder. Dann kommt Mario auch schon auf die Bühne gekrabbelt und brabbelt wild vor sich hin. Seine gelben Fühler wackeln, am pummeligen Popo prangt ein großer schwarzer Stachel. Den Bienenmann finden die Kinder zum Brüllen komisch. Mario berichtet von seiner Familie, dem Bienenvolk, das in Gefahr ist und gerettet werden muss. Bald beratschlagen drei Insekten und ein Gänseblümchen was zu tun sei: Den Menschen eine Lektion erteilen, aber wie? Also begießen sie erst einmal das plötzlich zu stark wachsende Gänseblümchen und hoffen auf die heilende Kraft der Sonne.

Das neueste Kindertheaterstück von Tiyatrom, „Das Gänseblümchen und die Biene“, enthält unterhaltsame Passagen und behandelt ein wichtiges Thema. Im Zentrum stehen Pestizide und deren Wirkung. Die Dialoge hierzu fallen etwas langatmig und redundant aus. Einige Kinder, die in der vordersten Reihe auf dem Boden sitzen, legen sich nach einer Weile hin. Eines fragt: „Wie lange geht das noch?“, ein anderes sagt: „Das geht schon Stunden lang.“ Bis es auf der Bühne zu einem rettenden Lösungsvorschlag kommt, vergehen 45 Minuten in denen ein paar Mal zu oft gefragt wird, wie es dem anderen denn so ginge. Das Stück endet mit einem Fingerzeig auf die Kinder und dem knappen Ausruf: „Die da! Die werden es bestimmt schaffen!“ Dann greift der Marienkäfer wieder zur Gitarre und stimmt eine weiteres Mal an: „Auf der Blume, auf der Blume sitzt ein Schmetterling…“

„Ich habe die Gitarre bei diesem Stück zum ersten Mal eingesetzt“, erzählt Joey Bozat, der den Marienkäfer mimt, „sonst wird immer alles vom Band abgespielt.“ Bozat ist der einzige Vollzeit-Schauspieler der Truppe, die drei anderen betreiben Theater als Hobby. „Ich sehe das aber genauso wie meine Arbeit“, erklärt die Biene Mario alias Enver Coşkun, „das ist Priorität!“ Coşkun arbeitet am Flughafen, manchmal fährt er direkt nach der Frühschicht zum Theater: „Die Proben haben einen knackigen Ablauf. Oft geht es zügig voran.“ Ihm macht Theaterspielen sichtlich Spaß, Kollege Bozat strahlt eine professionelle Präsenz auf der Bühne und im Umgang mit dem Publikum aus und Rabia Akin, die Schmetterlingsfrau, verleiht dem Stück neben ihrem federleichten Auftritt einen pädagogischen Touch – Akin ist hauptberuflich Lehrerin mit Schwerpunkt darstellendem Spiel. Das Nesthäkchen des vierköpfigen Ensembles ist das Gänseblümchen gespielt von Didem Baykal, die in diesem Jahr zum ersten Mal dabei ist, und mitten in der Theaterwoche ihren neunzehnten Geburtstag feiert.

Alle Darsteller des Ensembles haben türkische Wurzeln. „Das Schöne ist“, bemerkt Bozat, „dass die Gags kultur- und sprachübergreifend funktionieren.“ Das Tiyatrom kann auf eine lange Theatergeschichte zurückblicken. In den 1970er-Jahren aus einem Zusammenschluss von Laiendarstellen und bekannten türkischen Schauspielern hervorgegangen, feiert es in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen. Die Kooperation mit dem Bremer Lagerhaus begann 1997 mit dem Kindertheaterstück „Keloglan“. Seitdem kommt die Truppe bis auf zwei Ausnahmen jedes Jahr mit einem neuen Stück wieder, meist aus der Feder von Intendant und Regisseur Yekta Arman. „Wir sind die einzige Stadt außerhalb Berlins, in die das Tiyatrom kommt“, bemerkt Nazim Tursun-Keykan vom Amt für Soziales, das die Theaterwoche von Anfang an unterstützt. Jedes Kind zahle einen symbolischen Euro. Gefördert wird das Projekt auch von Ortsämtern. Insgesamt erreicht die Theatergruppe an die 1500 Kinder, die so gesellschaftsrelevante Themen mitbekommen.

Quelle: Stadtteil Weserkurier 26.09.2019

 

Korrektur: Das Nesthäkchen des vierköpfigen Ensembles ist das Gänseblümchen gespielt von Dilan Tinmaz

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