Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich Migration
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PRESSE 2019

Von Bienen und Marienkäfern

Interkulturelles Theaterstück im Lagerhaus kommt bei jungen Zuschauern gut an
MAGALI TRAUTMANN
Bremen. Gitarre spielend betritt der Marienkäfer die Bühne. Der verkleidete Mann singt: „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ein kleiner Marienkäfer. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ein kleiner – „Marienkäfer!“, ergänzen die Kinder. Die bekannte Melodie dringt bis in die hintersten Reihen der Aula vor und bald brüllen rund hundert Kinder der Grundschule Mahndorf im Chor: „Marienkäfer!“ Bis eben der seine Gitarre beiseite legt. Dabei fallen ihm seine Wackelfühler ab. Die Kinder lachen. Der Käfer nimmt den Gag zum Anlass, die Kinder aufzuklären: „Das liegt an den Giften, die die Menschen auf die Felder sprühen! Davon fallen meine Fühler ab.“

Das 22. interkulturelle Theaterstück vom Kulturzentrum Lagerhaus behandelt in diesem Jahr ein umweltkritisches Thema. „Das war unser Vorschlag“, sagt Recai Aytas, „die Theatergruppe hat dazu das Stück erarbeitet.“ Die Kinder sollen für das Thema Umwelt sensibilisiert werden, erklärt der Migrationsreferent. „Letztes Jahr hatten wir das Thema auch schon. Da ging es aber um Plastikmüll.“ Seit 21 Jahren komme ein Ensemble des Tiyatrom aus Berlin für die Theaterwoche nach Bremen. „Eine türkische Theatergruppe, die Stücke für Kinder macht, ist einmalig in Deutschland“, freut sich Aytas, „das Tiyatrom ist die türkische Shakespeare Company.“

Wasser für das Gänseblümchen
Auf der Bühne hat sich eine Schmetterlingsfrau zum Marienkäfer gesellt: „Wir dürfen nicht auf die andere Seite der Hügel fliegen!“ erklärt sie und zeigt durch den Saal. Alle Kinder blicken sich um. „Dort wurde Gift gesprüht! Dort, wo die Biene Mario wohnt!“ Die Kinder lachen wieder. Dann kommt Mario auch schon auf die Bühne gekrabbelt und brabbelt wild vor sich hin. Seine gelben Fühler wackeln, am pummeligen Popo prangt ein großer schwarzer Stachel. Den Bienenmann finden die Kinder zum Brüllen komisch. Mario berichtet von seiner Familie, dem Bienenvolk, das in Gefahr ist und gerettet werden muss. Bald beratschlagen drei Insekten und ein Gänseblümchen was zu tun sei: Den Menschen eine Lektion erteilen, aber wie? Also begießen sie erst einmal das plötzlich zu stark wachsende Gänseblümchen und hoffen auf die heilende Kraft der Sonne.

Das neueste Kindertheaterstück von Tiyatrom, „Das Gänseblümchen und die Biene“, enthält unterhaltsame Passagen und behandelt ein wichtiges Thema. Im Zentrum stehen Pestizide und deren Wirkung. Die Dialoge hierzu fallen etwas langatmig und redundant aus. Einige Kinder, die in der vordersten Reihe auf dem Boden sitzen, legen sich nach einer Weile hin. Eines fragt: „Wie lange geht das noch?“, ein anderes sagt: „Das geht schon Stunden lang.“ Bis es auf der Bühne zu einem rettenden Lösungsvorschlag kommt, vergehen 45 Minuten in denen ein paar Mal zu oft gefragt wird, wie es dem anderen denn so ginge. Das Stück endet mit einem Fingerzeig auf die Kinder und dem knappen Ausruf: „Die da! Die werden es bestimmt schaffen!“ Dann greift der Marienkäfer wieder zur Gitarre und stimmt eine weiteres Mal an: „Auf der Blume, auf der Blume sitzt ein Schmetterling…“

„Ich habe die Gitarre bei diesem Stück zum ersten Mal eingesetzt“, erzählt Joey Bozat, der den Marienkäfer mimt, „sonst wird immer alles vom Band abgespielt.“ Bozat ist der einzige Vollzeit-Schauspieler der Truppe, die drei anderen betreiben Theater als Hobby. „Ich sehe das aber genauso wie meine Arbeit“, erklärt die Biene Mario alias Enver Coşkun, „das ist Priorität!“ Coşkun arbeitet am Flughafen, manchmal fährt er direkt nach der Frühschicht zum Theater: „Die Proben haben einen knackigen Ablauf. Oft geht es zügig voran.“ Ihm macht Theaterspielen sichtlich Spaß, Kollege Bozat strahlt eine professionelle Präsenz auf der Bühne und im Umgang mit dem Publikum aus und Rabia Akin, die Schmetterlingsfrau, verleiht dem Stück neben ihrem federleichten Auftritt einen pädagogischen Touch – Akin ist hauptberuflich Lehrerin mit Schwerpunkt darstellendem Spiel. Das Nesthäkchen des vierköpfigen Ensembles ist das Gänseblümchen gespielt von Didem Baykal, die in diesem Jahr zum ersten Mal dabei ist, und mitten in der Theaterwoche ihren neunzehnten Geburtstag feiert.

Alle Darsteller des Ensembles haben türkische Wurzeln. „Das Schöne ist“, bemerkt Bozat, „dass die Gags kultur- und sprachübergreifend funktionieren.“ Das Tiyatrom kann auf eine lange Theatergeschichte zurückblicken. In den 1970er-Jahren aus einem Zusammenschluss von Laiendarstellen und bekannten türkischen Schauspielern hervorgegangen, feiert es in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen. Die Kooperation mit dem Bremer Lagerhaus begann 1997 mit dem Kindertheaterstück „Keloglan“. Seitdem kommt die Truppe bis auf zwei Ausnahmen jedes Jahr mit einem neuen Stück wieder, meist aus der Feder von Intendant und Regisseur Yekta Arman. „Wir sind die einzige Stadt außerhalb Berlins, in die das Tiyatrom kommt“, bemerkt Nazim Tursun-Keykan vom Amt für Soziales, das die Theaterwoche von Anfang an unterstützt. Jedes Kind zahle einen symbolischen Euro. Gefördert wird das Projekt auch von Ortsämtern. Insgesamt erreicht die Theatergruppe an die 1500 Kinder, die so gesellschaftsrelevante Themen mitbekommen.

Quelle: Stadtteil Weserkurier 26.09.2019

 

Korrektur: Das Nesthäkchen des vierköpfigen Ensembles ist das Gänseblümchen gespielt von Dilan Tinmaz

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