Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich Migration
Kulturzentrum Lagerhaus e.V. Bereich Migration

PRESSE 2018

  • 06.12.18: "Migrantentage und Wettbewerb"
  • 05.12.18: "Deutsche Pässe für Bremen"
  • 29.11.18: "Nicht nur ein Frauenthema"
  • 26.11.18: "Verbale Belästigung reicht für Anzeige"
  • 25.11.18: "Aus dem Alltag in Deutschland"
  • 22.11.18: "Immer in zwei Welten leben"
  • 22.1.18: "Unser Gesetz ist Flickwerk"

Quelle: WK / Stadtteil Kurier / 6.12.18

Quielle: Weserkurier / 5.12.18

Nicht nur ein Frauenthema


Der Bremer Rat für Integration hat eine Podiumsdiskussion über alltäglichen Sexismus veranstaltet

VON EMMA GASSTER
Ostertor. Im Kioto-Saal des Kulturzentrum Lagerhaus ist es kalt am Dienstagabend. Die Besucher, die nach und nach Platz nehmen, lassen ihre Schals um den Hals gewickelt. Eine Discokugel in der Ecke sendet immer mal wieder blickende Lichtpunkte durch den abgedunkelten Saal, ein Kontrapunkt zum eher bedrückenden Thema des Abends. Die Blicke richten sich gen Leinwand, die Videos aus dem Viertel zeigt. Erst scheint es so, als seien es nur beiläufige Aufnahmen der graffiti-beschmierten Mauern. Menschen laufen durchs Bild. Doch dann fällt ein Muster auf: Auf jede gezeigte Wand hat jemand die gleichen sechs Poster nebeneinander geklebt. Sechs Gesichter, sechs Frauengesichter, schauen den Betrachter direkt an.

Vergangenen Dienstag hat der Bremer Rat für Integration im Rahmen der „20. Migrant*innentage gegen Ausgrenzung“ zu einer Podiumsdiskussion geladen. Warum gerade jetzt das Thema alltäglicher Sexismus auf dem Plan stand? Das erklärte Moderatorin Libuse Cerna, Vorsitzende des Rates, bereits in ihren ersten Worten. „Wie vielleicht manche von Ihnen wissen, ist der 25. November der internationale Tag gegen die Gewalt an Frauen.“ Zwar fand die Veranstaltung zwei Tage später statt, die Verbindung sei nach wie vor da.

Zur Einleitung las sie anschließend zwei Sätze aus dem Buch „Und er wird es wieder tun“ der deutschen Journalistin Simone Schmollack vor: „Für nicht wenige Opfer ist es ein Tabu, ihre Erlebnisse öffentlich zu machen, sie schämen sich für die Übergriffe, sie streiten Schläge und verbale Verletzungen gegen sich hartnäckig ab. Doch es gibt einen Ausweg: Reden.“

Ansprechen und aufmerksam machen

Deshalb sollte es bei der Podiumsdiskussion um Kontakt gehen, um Möglichkeiten, schwierige Erlebnisse auszusprechen und um Wege, wie man sich Hilfe holen kann. Alles in allem war es eher eine Informationsveranstaltung als eine pointierte Diskussion.

Mit auf dem Podium saßen neben Cerna noch Bärbel Reimann, die stellvertretende Landesfrauenbeauftragte. Sie vertrat Bettina Wilhelm, die „krankheitsbedingt“, wie Reimann sagte, nicht kommen konnte. Außerdem noch eingeladen waren Sedef Sahin-Yavuz, eine klinische Psychologin, die für den Notruf Bremen tätig ist, wo sich Opfer sexueller Gewalt melden können, um Hilfe zu erhalten, und Mahina Naomi Biede, eine Videokünstlerin. Von Biede kommt auch die Installation, die am Anfang der Veranstaltung gezeigt wurde.

Auf Nachfrage hin erklärte sie deren Hintergrund: „Ich habe selber im Viertel gelebt und tagtäglich Situationen erlebt, die sehr unangenehm waren.“ Es sei nicht genau deutlich gewesen, wie die Momente einzustufen waren. Körperliche Übergriffe waren es nicht, aber Grenzüberschreitungen, sagte die 26-Jährige. Auf ihren Bildern sind deshalb sechs Frauen zu sehen, denen Ähnliches passiert ist. Anmachsprüche, ungewollt wiederholt angetanzt werden, eine Frau fühlte sich abends auf der Straße verfolgt. Männer hätte sie ebenfalls in das Projekt integrieren wollen, nur hätte sich keiner bei ihr gemeldet, sagte Biede. Unter den Portraits, die sie mit Tusche gemalt hat, stehen jeweils Antworten auf diese Grenzüberschreitungen. Mögliche Wege sich zu behaupten, zu verteidigen. Das Ganze hat die Künstlerin 2016 im Viertel angebracht um mehr Aufmerksamkeit für diese Art des alltäglichen Sexismus zu wecken.

Insgesamt dominierte ein Thema den Abend: Nämlich, wie man die richtige Reaktion auf unangenehme Annäherungen finden kann. Redner aus dem Publikum wie auch auf der Bühne sprachen von Pfefferspray, von Trillerpfeifen, kleinen tragbaren Alarmanlagen, die mit einer Handbewegung ausgelöst werden können und von Selbstverteidigungskursen.

Ein zustimmendes Raunen ging durch das größtenteils weibliche Publikum als Reimann traurig von einer Methode berichtete, über die oft auf dem nächtlichen Nachhauseweg nachgedacht wird. „Ich habe noch als Jugendliche diesen Trick mit dem Schlüssel gelernt. Man nimmt ihn in die Hand und zwischen die Finger, damit man zuschlagen kann, wenn man muss.“

Für Sahin-Yavuz stellte sich vor allem bei den lautstarken Hilfsmitteln die Frage: Was passiert nach dem Ton? Kommen Menschen der Person in Not zur Hilfe? „Zivilcourage ist manchmal einfach zu wenig vorhanden, die Leute trauen sich nicht, Hilfe zu leisten.“ Deshalb schlage sie immer vor, laut zu sagen, wenn einem etwas nicht gefalle und Umstehende direkt zu bitten, einzuschreiten.

Auch die vielen Beratungsstellen für Betroffene fanden Erwähnung. Sie seien einer der Gründe, warum die neuen Statistiken zu häuslicher und sexueller Gewalt höhere Fallzahlen anzeigen würden. „Das Hellfeld ist größer geworden“, sagte Reimann und lobte die Öffentlichkeitsarbeit der Anlaufstellen für Opfer. Die vorerst negativ wirkenden Statistiken seien also möglicherweise genau umgekehrt zu sehen.

Nach all den Vorschlägen darüber, was man als Frau machen kann, kamen alle Redner gemeinsam zu demselben Schluss: Es geht nicht, dass dieses Thema immer wieder an den Frauen hängen bleibt. Die stellvertretende Frauenbeauftragte kam zurück zu ihrem Beispiel eines nächtlichen Nachhausewegs: „Wenn junge Männer sagen würden, ich nehme das war, ich möchte die Bedrohungssituation für diese Frau entschärfen und wechsele die Straßenseite, das wäre ein guter Schritt.“ Sie befürwortete auch Präventionsarbeit an den Schulen.

Nach der Veranstaltung zeigten sich die Beteiligten zufrieden. Nur Libuse Cerna ärgerte sich ein wenig. „Jetzt haben wir gar nicht mehr aufs Bundeshilfetelefon hingewiesen“, ergänzte sie dann.

Die Nummer des Bundeshilfetelefons indes war die gesamte Veranstaltung über unübersehbar dickgedruckt auf dem Bildschirm neben der Bühne zu sehen gewesen: 08000 116 016.

 

Quelle: WK / Stadtteil-Kurier / 29.11.18

Quelle: WK / Stadtteil Kurier / 26.11.18

Aus dem Alltag in Deutschland


Satiriker Osman Engin liest im Kulturzentrum Lagerhaus aus seinem neuen Programm

VON NIKLAS GOLITSCHEK

Bremen.Osman Engin gehört zu den Migrantinnentagen wie diese zu Bremen gehören. Wie jedes Jahr eröffnete der deutsch-türkische Satiriker die 20. Auflage der Aktionswochen mit einer rund zweistündigen Lesung seines neuen Programms im Kulturzentrum Lagerhaus.

Auch wenn es für Engin ein Heimspiel an vertrauter Stätte war, so haben diese Auftritte doch immer einen besonderen Charakter für den Bremer. „In Hamburg, Berlin oder Frankfurt ist das Publikum eine große Masse. Hier kenne ich alle. Da bin ich aufgeregter und nervöser“, sagte Engin im Gespräch mit dem ­WESER-KURIER. Zumal er auch nicht wisse, wie seine neuen Geschichten ankommen werden. Entsprechend versah er seinen Auftritt mit einer ordentlichen Portion Selbstironie. „Auch wenn die Geschichten schlecht sind, bitte lachen und klatschen Sie“, wandte er sich an das Publikum.

Die rund 160 Gäste mussten allerdings gar nicht groß zum Lachen animiert werden. Oft gesellschaftskritisch, dabei aber stets humorvoll und pointenreich erzählte Engin seine Geschichten und Anekdoten aus dem Alltag. „Ich habe den Verdacht, dass die sozialen Medien nur geschaffen wurden, um sich gegenseitig zu beleidigen; anonym versteht sich“, leitete er ein. Die Migration sei die Mutter aller Probleme, rezitierte er Bundesinnenminister Horst Seehofer, um sich anschließend den Reaktionen im Internet zu widmen. Da hieß es als Reaktion etwa, Seehofers Mutter sei die Mutter aller Probleme. Als gute Katholikin habe sie jedoch nicht abgetrieben, las Engin aus einem weiteren Kommentar – und wusste das Publikum schon auf seiner Seite. „Die erste Geschichte hat gut gezündet“, stellte Engin rückblickend fest. Das habe ihm Selbstsicherheit gegeben.

Ganz so politisch blieb dieser Abend freilich nicht. Vielmehr widmete sich der Schriftsteller dem interkulturellen Alltag. Sprachliche Hürden, ungewollte und gewollte Fehlinterpretationen der Aussagen oder Vorurteile, denen sich Menschen mit Migrationsgeschichte immer wieder ausgesetzt sehen, nahm Engin ebenso aufs Korn wie das fiktive Familienleben mit Frau Eminanim, Tochter Hatice und Sohn Mehmet oder die Angst vor der Einreise in die Türkei. Ob Sonntagsgang zum Bäcker mit dem Kind, türkische Hochzeiten oder die peinlichen Momente des Kondomkaufs im Supermarkt: Seine stärksten Momente entfaltete der Satiriker, wenn er die Alltagssituationen zuspitzte, in denen sich das Publikum wiedererkannte. „Wie schaffst du es, die Deutschen glücklich zu machen?“, fragte er etwa und zitierte den Onkel: „Das schaffst du erst, wenn Fische auf Bäume klettern.“ Als Arbeiter werde er beschuldigt, den Deutschen die Arbeitsplätze wegzunehmen. Als Arbeitsloser gelte er wiederum als Sozialschmarotzer. Doch so humorvoll Engin diese Themen ansprach, sprach er damit über bedeutende Themen: den Platz in einer neuen Gesellschaft zu finden – und von dieser akzeptiert zu werden.

Dafür ließ Engin in seine Geschichten auch immer wieder Gesellschaftskritik einfließen. So thematisierte er etwa den sogenannten Islamischen Staat im Nahen Osten oder die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht. Ohne diese Ereignisse zu verharmlosen, wies er darauf hin, dass kaum ein Ausländer sie gut heiße. Dennoch sähen sie sich immer wieder damit konfrontiert, sich für etwas rechtfertigen zu müssen, womit sie nichts zu tun hätten. Oder sie würden gar beschuldigt, damit in Verbindung zu stehen. Mit der Beschreibung solcher Situationen, die seinem Publikum wohl bekannt sein dürften, erreichte der Satiriker mit seinem trockenen Humor ebenfalls die Gäste. „Es hat wahre Hintergründe“, bestätigte Ali Elis, Vorsitzender des Zentrums für Migranten und interkulturelle Studien in Bremen und langjähriger Freund Osman Engins. Dass die humorvollen Geschichten dennoch mit ihren Kernbotschaften verstanden würden, führte er auf die interkulturelle Hingabe des Schriftstellers zurück: „Er beleuchtet nicht nur eine Seite.“

Auch vor den eigenen Verhaltensweisen machte Engin in seiner Lesung nicht Halt. Sich selbst humorvoll zu reflektieren, ohne sich dem Lächerlichen preiszugeben, erfordert sicher noch einmal mehr Fingerspitzengefühl. Doch dieser Spagat gelang, als er etwa von einem Paket ohne Absender erzählte, das er zu einer Zeit entgegennahm, als gerade die Nachrichten über Paketbomben an Politiker in den USA durch die Medien gingen. Verunsichert brachte er die Sendung also zur Polizei, um sie untersuchen zu lassen. Nach zahlreichen Missverständnissen und Befragungen wurde das Paket sicherheitshalber gesprengt – dann stellte sich heraus, dass es zwei Kilogramm türkischen Honig von der Mutter enthielt. Eine wahre Geschichte, wie er einräumte, um lachend hinterherzuschieben: „Manchmal, wenn ich keine Ideen habe, mache ich solche Dinge.“

Halb politisch, halb familiär, so beschrieb Osman Engin selbst sein neues Programm. "Ich schreibe über mein Leben. Das gehört zum Alltag in Deutschland", sagte er. Dabei lasse er sich auch von Erzählungen seiner Bekannten inspirieren. Genau deswegen sind seine Geschichten authentisch.

 

Quelle: Weserkurier / 25.11.18

Immer in zwei Welten leben


Am Freitag starten die 20. Migrantinnentage im Lagerhaus mit Konzerten, Lesungen, Diskussion und Filmen

VON FELIX KLEIN
Ostertor. Am Freitag, 23. November, werden im Lagerhaus die 20. Migrantinnentage eröffnet. Der deutsch-türkische Satiriker Osman Engin liest dann Geschichten aus dem interkulturellen Alltag. Im November und Dezember locken die Veranstalter mit einer Vielzahl von Programmpunkten. Dazu gehören Lesungen, Konzerte, Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen. Eine Fotoausstellung im Kafé Lagerhaus porträtiert Menschen auf der Flucht in unterschiedlichen Zeiten und Regionen.

Das Motto der diesjährigen Migrantinnentage lautet „dort & hier“. „Damit sind die zwei Welten gemeint, in denen Migrantinnen und Migranten ständig leben. Man ist immer an beiden Orten: unsere Heimat und hier“, erzählt Eusevia Torrico Jiménez, eine der Organisatorinnen des Projekts. Sie selbst hat einen peruanischen Migrationshintergrund. Eine Veranstaltung, die das Motto besonders eindrücklich unterstreicht, ist die Filmvorführung von „Return to Afghanistan – die vielen Gesichter von Flucht und Migration“. Es geht um die Geschichten von Rückkehrern, die sich freiwillig dazu entschieden haben, in ihr Heimatland zurückzukehren, oder abgeschoben wurden. Für Recai Aytas, ebenfalls Organisator der Migrantinnentage, ist es eines der besonderen Highlights dieses Jahr. „Ich bin echt gespannt. Der Film wurde schon in anderen großen deutschen Städten aufgeführt und ist gut angekommen.“ Die Filmvorführung mit anschließender Diskussion wurde in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung geplant.

„Unser Schwerpunkt hat sich in den letzten Jahren nicht groß verändert“, sagt Recai Aytas. „Das Thema Flüchtlinge ist so medienpräsent. Seehofer bezeichnet die Migration als Mutter aller Probleme. Dem müssen wir unsere Sicht entgegensetzen.“ Die Veranstaltungsreihe des Bereichs Migration des Lagerhauses hat viele Kooperationspartner, darunter zahlreiche Bremer Migrantinnenorganisationen, den Bremer Rat für Integration und Amnesty International. Die Veranstalter setzen bewusst auf kontrovers diskutierte Themen. „Wir haben eine Podiumsdiskussion zum Thema alltäglicher Sexismus. Das wollen wir ganz offen diskutieren. Sich selbst mit Problemen beschäftigen, das hilft“, ist Recai Aytas überzeugt. „Wir haben damit auch in der Vergangenheit sehr, sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir haben über Salafismus in Bremen diskutiert, bevor das Thema einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt bekannt war. Erst hat uns keiner ernst genommen.“

Neben ernsten Themen soll das Programm mit Satire und kulturellen Veranstaltungen aufgelockert werden. So organisiert der deutsch-peruanische Kulturverein in Bremen am 8. Dezember ein typisch peruanisches Weihnachtsfest. Am 18. Dezember informiert Migrationsreferent Aytas darüber, warum es sinnvoll und wichtig ist, mehr Menschen mit Migrationshintergrund einzubürgern. „Wir wollen für das Projekt Einbürgerungslotsen gewinnen, die über die deutsche Staatsbürgerschaft aufklären können. Da die Einbürgerungen in Bremen sogar rückläufig sind, sollen die Menschen direkt vom Bürgermeister per Brief angesprochen werden. Einbürgerung schafft ein Zugehörigkeitsgefühl“, sagt Aytas. „Ich selbst konnte mich erst nach 17 Jahren für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden“, fügt Jiménez hinzu.

Aytas und Jimenéz können als Zuwanderer selbst von vielen Erfahrungen der Ausgrenzung in Bremen berichten. Auch wenn sie unter Umständen persönlich weniger betroffen seien, als andere: Der Migrationshintergrund stehe immer schnell im Vordergrund. Aytas berichtet aus eigenem Erleben. „Meine Tochter macht gerade Abitur. Ein Lehrer sagte einmal zu mir: Das ist ja eine sehr interessante Entwicklung, ein Migrantenkind mit solchen guten Noten.

Jiménez erzählt: „Viele Bekannte haben schlechte Erfahrungen gemacht. Wegen der Sprache, wegen der Hautfarbe. Auch rechte Gewalt und Diskriminierungen in Behörden.“ Es gebe aber auch Ausgrenzung zwischen Migrantinnen und Migranten, sagt Aytas. „Viele Geflüchtete haben extreme Erfahrungen gemacht, haben Krieg und Enttäuschungen erlitten. Viele sind darum sehr emotional und werden schnell aggressiv.“

Die Migrantinnentage richten sich an alle interessierten Bremerinnen und Bremer. Durch die Möglichkeiten des Kulturzentrums und die Unterstützung vieler städtischer Akteure und der Politik können die Organisatoren die Bandbreite an Programmpunkten anbieten und dafür wenig oder keinen Eintritt nehmen. „Das sind die Lagerhaus-Preise“, sagt Aytas lächelnd dazu. Das Jubiläum nach 20 Jahren habe für sie keine besondere Bedeutung. „Es geht immer weiter. Das Thema kommt nie aus der Mode.“


Quelle: WK / Stadtteil-Kurier / 22.11.18

„Unser Gesetz ist Flickwerk“

Sascha Krannich

ist promovierter Sozialwissenschaftler an der Universität Siegen in der Migrationsforschung. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Migration und Entwicklung, Migration- und Integrationspolitik sowie Arbeitsmigration. Er ist einer der Teilnehmer an der kommenden Diskussionsrunde im Lagerhaus zu einem vielleicht anstehenden Einwanderungsgesetz.

 

Ist Deutschland ein Einwanderungsland?

SaschaKrannich: Ja, auf jeden und wahrscheinlich und auch bereits seit Gründung der BRD, also seit den frühen 50er-Jahren. Es hat aber lange gedauert, bis man dies realisiert hat. Seit der Süssmuth-Kommission in den frühen 2000ern hat sich dies endlich geändert,  und viele Politiker haben begonnen, sich der Realität zu stellen. So zum Beispiel die SPD und die Grünen. Andere Parteien wie die Union teilten die Ansicht zu diesem Zeitpunkt zwar immer noch nicht, aber inzwischen, zehn Jahre später, wird die Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, über alle Parteigrenzen hinweg anerkannt.

Ist diese jahrzehntelange Realitätsverweigerung der alleinige Grund für ein fehlendes Einwanderungsgesetz?

Es spielt eine Rolle, ja. Einwanderung wird aber natürlich bereits jetzt in Deutschland geregelt, aber dies passiert durch eine Vielzahl von Gesetzen, nicht durch ein einheitliches Einwanderungsgesetz aus einem Guss. Wir haben viele Verordnungen, aber diese Sammlung ist sehr umfangreich, unübersichtlich und komplex. Man kann es auch als Flickwerk bezeichnen. Alles andere wurde bisher aus parteipolitischen Gründen immerzu blockiert. Das Thema wird nun aufgrund der aktuellen politischen Lage aber sehr akut.

Braucht Deutschland denn überhaupt unbedingt solch ein einheitliches Einwanderungsgesetz?

Ich würde sagen, ja. Deutschland ist das weltweit zweit-attraktivste Zuwanderungsland nach den USA. Nur bei Hochqualifizierten liegen noch die anderen englischsprachigen Nationen, wie Australien, Neuseeland, Kanada und Großbritannien vor uns. Deutschland kennt in seinem Recht über 60 verschiedene Zuwanderungsgruppen, die wiederum einzelnen spezifischen Regelungen unterliegen. Zum Beispiel werden Spezialitätenköche separat von anderen Köchen betrachtet. Oder Schausteller werden auch speziell berücksichtigt. Das ist als Gesamtwerk historisch gewachsen, ohne dass jemals ein einheitlicher, vereinfachender Gedanke im Vordergrund stand. Beim Punktesystem wäre das der Fall.

Können Sie das bitte einmal knapp erläutern?

Bei diesem System werden für spezifische Eigenschaften einer Person, also Alter, Bildung, Sprachfähigkeit und vieles mehr, Gesamtpunkte vergeben. Hat die Person genug Punkte, darf sie einwandern, wenn nicht, wird die Immigration verweigert. Das ist jetzt sehr vereinfacht, und da gibt es Ausnahmen und Sonderheiten, aber in etwa so handhaben zum Beispiel Kanada oder auch Australien Einwanderung.

Das Klingt ziemlich kalt und entmenschlicht. . .

Es gibt auch Gegner des Systems – aus verschiedenen Gründen. Zum Beispiel bezeichnet die Linke es als „Nützlichkeitsrassismus“. SPD, Grüne und FDP wollen das Punktesystem, nachdem sich die Einwanderung übersichtlich und arithmetisch darstellen und managen lässt.

Drehen wir das Ganze mal um: Was braucht ein deutscher Staatsbürger, um in solche Länder einzuwandern?

Abitur reicht auf jeden Fall nicht, selbst als junger Mensch. Ein Bachelorabschluss in einer Gesellschafts-, Natur-, oder Ingenieurwissenschaft und Mitte 20 wäre wahrscheinlich zusammen mit guten Sprachkenntnissen eine Eintrittskarte. Wobei selbst eine Promotion in einer Geisteswissenschaft für einen 50-Jährigen wahrscheinlich zur Ablehnung führen würde, gleichgültig, wie gut er Englisch spricht. Es geht hierbei halt vor allem um den Nutzen des Einwanderers für den Staat. Wir handhaben dies auch bereits so, nur ohne Punkte und in einer intransparenten und aufwendigen Weise.

Ist ein spezialisierter Koch für ein Nobelrestaurant in Berlin als Mensch mehr wert als ein Flüchtling mit mittlerer Schulbildung, der gerne in Deutschland bleiben möchte?

Nein, natürlich nicht. Es gilt nach der Genfer Flüchtlingskommission die humanitäre Verpflichtung. Dagegen stehen natürlich auf der anderen Seite die Interessen des Staates, in denen eingewandert oder geflüchtet wird. Da geht es um nationalstaatliche Interessen oder auch um das Überleben des Staates. So braucht der Staat bestimmte Menschen, die bestimmte Lücken füllen, damit er wettbewerbsfähig und langfristig stabil bleibt. Aber auch Flüchtlinge können ja hier Fähigkeiten erlangen, um in Form eines Spurwechsels als Wirtschaftsimmigrant hierzubleiben.

Geht es den westlichen Staaten hierbei wirklich ums Überleben oder nur um neokoloniale-Vorherrschaft?

Das ist eine gute, aber auch sehr schwierige und vielschichtige Frage. Natürlich denken die Länder an sich, an ihr eigenes Wohlergehen. Und in Form des „Brain-drain“, also des Abflusses von Wissen, kann den Staaten, aus denen die Menschen zu uns kommen, auch Schaden entstehen, da ihnen Fähigkeiten und Wissen verloren geht. Das ist ein riesiges Spannungsfeld. Es gibt aber auch Fälle, die wir in unseren Studien kennengelernt haben, für eine Win-Win-Win-Situation – also für uns, den Migranten sowie das Heimatland.

Können Sie hierfür ein Beispiel geben?

Klar, man nehme das sehr mangelhafte Gesundheitssystem in Palästina. So gibt es einen Arzt, der zu uns gekommen ist, um in Deutschland zu arbeiten. Ein Verlust für die Heimat, aber er holt jedes Jahr drei Ärzte von dort hierher, bildet sie fort, und sie kehren zurück und geben ihr Wissen weiter. Diesen Wissenstransfer gäbe es nicht, wenn er nicht zu uns gekommen und auch geblieben wäre. Ein anderes Beispiel sind die Inder im Silicon Valley. Sie haben Millionen an Arbeitsplätze in Indien durch Unternehmensgründungen geschaffen. Das Thema ist derart komplex, dass man einen langen Atem braucht, um Ergebnisse zu sehen.

 

Das Gespräch führte Gerald Weßel.

Die Diskussion „Neue Wege gehen: Welches Einwanderungsgesetz braucht Deutschland?“ ist am Dienstag, 23. Januar, um 19 Uhr im Kulturzentrum Lagerhaus an der Schildstraße 12-19. An der Diskussion nehmen teil: Sascha Krannich von der Universität Siegen, Sarah Ryglewski, Mitglied des Deutschen Bundestages, und Cornelius Neumann-Redlin vom Verein Unternehmensverbände im Lande Bremen. Die Moderation übernimmt Kathrin Schmid vom NDR. Es wird um Anmeldung unter hamburg@fes.de oder über www.fes.de/lnk/34k gebeten.

 

Quelle: WK / 22.1.18

Kulturzentrum Lagerhaus e.V.
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